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Von der Unmöglichkeit, eine Powerfrau zu sein

Heute habe ich mir Wiebke Tillenburg für das Interview zur #Autorinnenzeit vorgeknöpft. Wir sprechen nicht nur über das Autorinnendasein und darüber, wie man Familie, Beruf, Leidenschaft und sich selbst unter einen Hut bringt, sondern lernen gleichermaßen auch etwas über uns selbst.

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Wiebke Tillenburg im Interview #Autorinnenzeit

Hallo Wiebke! Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview nimmst. Pünktlich zum Beginn der Autorinnenzeit hast du deinen Blog releast. Aber du bist auch Autorin. Woran arbeitest du zur Zeit?

Ich arbeite derzeit an der Überarbeitung meiner eskalierten Kurzgeschichte mit dem Arbeitstitel “Eselmädchen”, die mit etwas Glück zu einer Novelle heranwächst. Nebenbei plotte ich an einigen Ideen, zwischen denen ich mich bald wohl entscheiden muss, wer zuerst drankommt.

Eselmädchen ist ein ungewöhnlicher Titel. Auch wenn es nur ein Arbeitstitel ist, magst du uns kurz erläutern, wie du darauf kommst?

Das war ein niedlicher Auslöser für eine grausame Geschichte gewesen. Meine Tochter hat ziemlich viele Plüschesel. Sie lag irgendwann inmitten dieser Esel, und spielte total zufrieden damit. Da hab ich sie spontan Eselmädchen genannt und in meinem Kopf war gleich die erste Idee zu der Geschichte geboren, die aber absolut nichts mit Kleinkindern zu tun hat.

Bevor wir zum eigentlichen Thema, nämlich der #Autorinnenzeit kommen, würde ich dazu gerne wissen, was für ein Genre dieses Buch hat. Und kannst du die Geschichte kurz pitchen?

Das ist gar nicht so leicht. Wenn ich ein Genre festlegen muss, dann ist es wohl Fantasy. Aber es versteckt sich daran eine gewisse Gesellschaftskritik, die sich sehr gut auf unsere Realität übertragen lässt. Sehr grob umrissen handelt das Buch von einem Jungen, der mit seiner Mutter am Rande der Gesellschaft lebt und nach dem Verlust seines letzten Restes Stolz das Eselmädchen aufsucht. Ein Mädchen, das allein mit einer Herde Eseln auf einer großen Wiese lebt und allgemein als Abschaum gilt. Ab diesem Zeitpunkt widerfahren ihm diverse Grausamkeiten und am Ende muss er, wie so viele Heranwachsende, die Welt vor ihrem Untergang bewahren.

Wow, das klingt spannend! Halt mich dazu unbedingt auf dem Laufenden! Du stehst also mit einem faszinierenden Projekt in den Startlöchern. Da interessiert mich besonders, wie du als unveröffentlichte Autorin die Branche einschätzt. Denk mal an das Autoren-Umfeld in den sozialen Medien: Gibt es mehr Frauen oder mehr Männer?

Ich muss zugeben, dass mir eine Einschätzung sehr schwer fällt. Wenn ich mich in den sozialen Medien umschaue (in meinem Fall bisher nur Twitter), dominieren schreibende Frauen meine Timeline. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es Frauen leichter fällt über ihre Tätigkeit als Autorin zu sprechen, als Männern. Natürlich bildet die Bereitschaft, darüber zu sprechen, nicht das Verhältnis der Veröffentlichungen ab. Wenn ich allerdings auf mein Studium zurückblicke, (Germanistik und Geschichte auf Lehramt), dann dominierten die Männer. Einmal hinsichtlich der besprochenen Werke in den Seminaren, aber auch die Autoren der Fachliteratur waren häufig männlich. Das liegt natürlich auch daran, dass meine Fächer stark in der Vergangenheit verhaftet waren und schreibende Frauen ein noch recht junges Phänomen sind. Das Traurige dabei ist, dass ich den Eindruck gewinne, dass Frauen immer noch gerne als Nachkommen einer Jane Austen gesehen werden.

Nicht falsch verstehen, ich liebe Jane Austen. Aber Fakt ist, dass Frauen die Fähigkeit und heutzutage auch die Möglichkeit haben, zu schreiben, was sie möchten. Dennoch begegnet einigen Autorinnen Überraschung oder Unglauben, wenn sie bspw. Science Fiction, Thriller, Fantasy oder Kriminalromane schreiben. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich kann nicht sagen, ob es nun mehr Frauen oder mehr Männer sind. Was mir jedoch auffällt, ist die Vorstellung, die mit sogenanntem “weiblichen Schreiben” verknüpft ist. Und die ist, gelinde gesagt, eingeschränkt.

Ich bin beeindruckt von deiner differenzierten Meinung und deiner genauen Beobachtungsgabe. Vielen Dank dafür! Auch ich habe den Eindruck, dass Frauen die Twitter-Timeline dominieren und auch aus Facebook-Erfahrungen kann ich sagen, dass Frauen häufiger anzutreffen sind. Irgendwann kam mir der Gedanke, besonders, als ich nach Sven Hensels Blogartikel mal in mein Bücherregal geschaut habe, dass mehr Männer von Verlagen veröffentlicht werden und überwiegend Frauen ihr eigenes Ding als Selfpublisher wagen. An Ungeduld bei Verlagseinreichungen wird das kaum liegen. Was glaubst du, woran das liegen kann? Ist der Druck auf die in Zukunft als klassisch geltende Powerfrau zu hoch? Wird es Standard sein, Kinder, Job, Ehemann, Selbstverwirklichung und Hausfrauendasein als Frau bzw. Autorin zu stemmen?

Woran es genau liegt, fällt mir schwer zu sagen. Ich kann mir schwer vorstellen, dass alle Leser bei der Wahl ihrer Lektüre besonderen Wert auf das Geschlecht des Verfassers legen. Also kann ich es mir nicht durch die Zielgruppen erklären. Ob es eine geheime Verschwörung unter Verlegern gegen Autorinnen gibt, weiß ich auch nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass der Wurm dort sitzt, wo Literatur bewertet wird. Erstmal finde ich es generell schwierig, ein allgemeingültiges Urteil über Literatur zu fällen, da es am Ende Geschmackssache eines jeden Einzelnen ist. Mir scheint es auch so, dass Literatur nicht vorrangig von Lesern (oder böse gesagt, der breiten Masse) bewertet würde, sondern eben von Eliten, die weit entfernt von Lieschen Müller lesen und scheinbar einen Gefallen daran finden, dass Literatur eine Männerdomäne ist. Was ich damit sagen will ist, dass der Bewertungsmotor der Literatur sich nicht unbedingt in der Realität der Leser bewegt, in deren Köpfen Autorinnen oft einen besseren Stand haben, als auf irgendwelchen Nominierungslisten.

Der Druck auf die Powerfrau ist jetzt schon zu groß. Ich muss immer lachen, wenn ich die Politiker von der Vereinbarkeit von Karriere und Familie reden höre. Ich kann vielleicht Mutter sein und arbeiten. Aber ich kann keine Traumkarriere machen und dabei eine Super Mutter sein. Eines kommt am Ende zu kurz. Wenn ich als Frau wirklich Karriere im Sinne von Manager, Konzernleitung, etc. machen will, kann ich keine Familie haben oder zumindest nicht aktiv daran beteiligt sein. Das heißt nicht, dass alle Frauen wieder Hausfrauen werden sollen. Aber ihre beruflichen Möglichkeiten müssten flexibel anpassbar sein. Und ich persönlich würde mir wünschen, sagen zu können “Ich bin Hausfrau, weil ich es will.”, ohne gleich wie eine Aussätzige oder Bildungsferne behandelt zu werden. Speziell als Autorin befinde ich mich in einer sehr glücklichen Situation, die wohl nur wenig Frauen vorfinden. Die das Schreiben irgendwo zwischen Beruf, Familie und Leben einbringen müssen.

Das klingt, als hättest du dich schon längst intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich bin beeindruckt davon, wie sehr du zu dem stehst, was du sagst. Viele Frauen, vor allem Mütter, scheinen alles unter einen Hut bringen zu wollen. Und da kommt auch oft Scham auf, wenn es nicht klappt, die Powerfrau mit Familie, Beruf und Leidenschaft zu sein. Was würdest du einer jungen Mutter raten, die sich in genau dieser Vorstellung verrennt und in allen drei Bereichen 110 % geben will, sich dabei selbst aber verliert?

Im Ernst, das Allerwichtigste ist der Partner. Alleinerziehende haben in unserer Gesellschaft ohnehin einen mehr als schwierigen Stand, deshalb klammere ich das aus, das würde sonst ausarten. Als junge Frau und Mutter ist es ungeheuer wichtig, jemanden an seiner Seite zu wissen der 1. Familie als solche versteht und auch die Rolle als Vater ernst nimmt. 2. Offen für die Sorgen, Ängste, Probleme, Wünsche und Träume seiner Frau ist. Klingt total kitschig, ist aber verdammt wahr. Ich wäre heute nicht so sicher auf meinem Weg, wenn mein Mann mich stützen und unterstützen würde. Keine Frau der Welt kann und sollte das alleine schaffen. Leider müssen es nur viel zu viele.

Ich wage mal, zu behaupten, dass genau diese Begleitung auch eine beste Freundin, in guter Beziehung stehende Mutter oder der Cousin des Vertrauens sein kann. Ich würde gerne zur nächsten Frage übergehen: Joanne K. Rowling (Harry Potter), Cornelia Funke (Tintenherz), Suzanne Collins (Tribute von Panem), Stephenie Meyer (Biss-Reihe, Twilight) und Kerstin Gier (Rubinrot etc.) – alle sind erfolgreiche Autorinnen von Fantasy. Glaubst du, da kommt noch mehr?

Ja sicher. Ich schreibe doch auch Fantasy. Nein, ganz im Ernst. Ich lese bevorzugt Fantasy und seit einiger Zeit greife ich vermehrt zu den Werken von Selfpublishern. Ich denke Potenzial ist ausreichend vorhanden. Und ich denke, das wichtigste ist, dass sich Autorinnen nicht unterkriegen lassen und regelmäßig auf sich aufmerksam machen. Wie beispielsweise durch solche Aktionen, wie die Autorinnenzeit, die großartiger Weise durch einen Mann ins Leben gerufen wurde. Ich denke, die Begeisterung, die die oben genannten Werke ausgelöst haben, machen ausreichend deutlich, dass Frauen einen festen Platz in der Literatur verdient haben.

Als Autorin von Fantasy interessiert mich deine Einstellung zu Protagonisten und anderen Buchcharakteren. Ist das Geschlecht deines Protagonisten wichtig, wenn du ihn erschaffst? Oder kam das einfach so, dass es ein Junge war, der das weibliche Eselmädchen trifft?

Die Geschlechter kamen praktisch mit der Idee und es passt in diesem Fall. Aber generell habe ich hier keine Vorzüge. Das Geschlechterverhältnis meiner bisher geschriebenen Protagonisten ist halbwegs ausgeglichen. Beim Eselmädchen muss man allerdings erwähnen, dass er zwar der Protagonist ist, sie aber der starke Charakter.

Auch wenn das Eselmädchen nicht die Protagonistin ist, so ist sie doch die starke Persönlichkeit, die sich der Meinung der Gesellschaft ausgesetzt fühlt und dennoch stark bleibt. Bis auf J.K. Rowling haben alle oben genannten Autorinnen weibliche Protagonisten in ihren Büchern eingesetzt, die auch allesamt stark sind (oder scheinen). Glaubst du, jeder kann sein eigenes Geschlecht am besten empfinden?

Nein. Ich glaube sogar, dass es manchmal leichter ist, aus der Sicht des anderen Geschlechts zu schreiben, da man damit vielleicht etwas schonungsloser umgeht. Man versucht sich selbst ja immer ein bisschen besser darzustellen als man ist, das passiert ganz unbewusst. Unabhängig davon sollte jeder Autor über Empathie verfügen, um auch mal die Seiten zu wechseln und einen guten Blick für Menschen und ihr Verhalten zu haben. Ganz gleich, welchen Geschlechtes. Ich muss gestehen, wenn ich aus der Sicht eines Jungen oder Mannes schreibe, denke ich auch nicht in erster Linie darüber nach, ob er jetzt besonders männlich wirkt, sondern darüber, ob seine Gedanken, Empfindungen, etc. seiner Situation, seinem Alter, Lebensumständen angepasst sind. Das Geschlecht ist für mich nur ein Bestandteil der Charakterbildung.

Ich muss gerade an Agatha Christie denken. Sie schrieb in einem ihrer Krimis, “Der Tod wartet”, war er, ihrer Protagonistin den Satz: “Das Geschlecht spielt doch wirklich nur beim Geschlechtsverkehr eine Rolle.” in einen Dialog. Ich denke, das trifft es ganz gut. Passt auch zu starken Frauen und Autorinnen.

Da stimme ich dir voll zu! Obwohl die Protagonistin meines Debütromans weiblich ist, fühle ich mich mit einem männlichen Protagonisten wohler. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass man durch mehr Distanz mehr interpretativen Freiraum hat und somit die Charakterbildung viel weiter vorantreiben kann. Kommen wir doch mal von den Protagonisten und sonstigen Charakteren zurück zu den Autoren und Autorinnen. Natürlich bleibe ich für dich beim Genre Fantasy: Was unterscheidet Fantasy, die von einem Mann geschrieben wurde von solcher, die von einer Autorin geschrieben wurde? Fällt dir dazu etwas ein?

Das Klischee sagt, wenn eine Frau es schreibt, ist es automatisch Romantasy. Ich sage, nichts. Also es ist völlig gleichgültig, ob die Geschichte jetzt von einem Mann oder einer Frau verfasst wurde. Entscheidend ist die Idee dahinter und ich denke, da gibt es auf beiden Seiten zahlreiche gute Beispiele. Ich tue mich ohnehin sehr schwer damit, eine bestimmte Art zu schreiben, als besonders weiblich oder männlich zu kennzeichnen. Auch ganz unabhängig vom Genre.

Es ist Zeit für ein Fazit. Was nimmst du aus diesem Interview mit? Was willst du den Lesern mit auf den Weg geben?

Also ich nehme für mich mit, dass ich dringend mal meine Gedanken, ordnen, strukturieren und bei Zeiten zu Papier bringen sollte. Den Lesern möchte ich ans Herz legen, die Dinge stets aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

So liebe Kia, ich danke dir ganz herzlich, dass du mich für dein Interview ausgesucht hast. Es hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Und ich habe tatsächlich auch einiges über mich selbst gelernt.

wiebke

Wiebke Tillenburg ist Mutter von zwei Kindern. Mit Tochter, Sohn und Mann lebt sie in Koblenz und managed ihr Autorinnenleben mit dem Mutterdasein; eine wahre Powerfrau mit tiefgründigen Hintergedanken.

Blog: wiebke-tillenburg.de
Twitter: @feder_tier

Als nächstes werde ich Elenor Avelle interviewen. Sie ist wie Wiebke Mutter von zwei Kindern und hat ganz sicher einige Gedanken zu unseren Themen!

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