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Bis es 50:50 steht, wird es noch ewig dauern

Heute darf ich Susann Julieva interviewen. Als Autorin von Gay Romance mit ausschließlich männlichen Hauptcharakteren und als Feministin ist sie eine sehr interessante Partnerin für ein Interview zur #Autorinnenzeit.

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Susann Julieva im Interview #Autorinnenzeit

Hi Susann! Wir kennen uns aus dem Verein BartBroAuthors und ich habe schon früh mitbekommen, dass du Feministin bist. Daher meine erste Frage an dich: Wie findest du als Feministin die Autorinnenzeit? Gefällt dir, was da vonstatten geht?

Hi, liebe Kia! Ich freu mich riesig, bei deinen Interviews dabei sein zu dürfen!

Im Prinzip finde ich es immer wichtig, wenn Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten aufgezeigt werden. Die Aktion will ja darauf hinweisen, dass Autorinnen im Literaturbetrieb nicht die Beachtung und Wertschätzung erfahren, wie ihre männlichen Kollegen. Es wird oft gesagt, “Wir brauchen keinen Feminismus mehr, wir haben doch Gleichberechtigung”. Aber leider sind die Fakten eben ganz anders. Von einer echten Gleichberechtigung sind wir immer noch weit entfernt. Von daher: Klar, die Aktion ist eine gute Sache!

Sehr schön. Dann freut es mich umso mehr, dass du mir heute Rede und Antwort stehst. Du bist Autorin von einer ganz besonderen Sorte Romantik, nämlich schreibst du Gay Romance. Für unsere Leser: Was ist Gay Romance? Geht es nur um schwule Männer, die sich verlieben? Oder ist da mehr?

*lacht* Also, wenn du es ganz eng fassen willst, dann geht’s tatsächlich um schwule und bisexuelle Männer, die sich verlieben. Wir haben aber innerhalb der Gay Romance ein ganz riesiges Spektrum von Untergenres, wie in der Hetero-Romance auch. Da gibt es Contemporary, Gestaltwandler, Romantic Thrill, Erotik, Romantic Fantasy, Historical und und und… Und natürlich dementsprechend viele Facetten. Allen gemeinsam ist, dass ein Kernthema dabei immer die Liebe ist.

Ich zum Beispiel schreibe Contemporary und Urban Fantasy.

Urban Fantasy dürfte jedem ein Begriff sein. Aber kannst du ganz kurz erklären, was Contemporary ist?

Das sind ganz einfach Liebesgeschichten, die heutzutage spielen. Da fallen dann weitere Untergenres wie New Adult darunter, bei dem es um junge Erwachsene geht. Oder Rockstar-Romane und so was. Oder auch ganz simpel eine Liebesgeschichte zwischen Nachbarn oder Freunden. Auf deutsch würde man wohl “zeitgenössisch” sagen.

Danke dafür. Wieso schreibst du dieses Genre? Was fasziniert dich so daran?

Die Frage höre ich öfter und es ist immer schwer, das in Worte zu fassen, wie meist, wenn einen etwas fasziniert. Anfangs gefiel es mir einfach, mich mit zwei tollen Männern beschäftigen zu können, statt mit nur einem Helden. Gay Romance wird ja zu 90 % von Frauen gelesen. Viele von ihnen lesen Gay Romance, weil sie mit den Heldinnen in der Hetero-Romance nichts anfangen können. Mit naiven, tollpatschigen Mädchen, die sich in Millionäre verlieben und im Grunde gar keine eigene Persönlichkeit haben. Sie sind nur Projektionsfläche. Mir geht es ähnlich, solche Frauenfiguren sind mir ein Graus. Es sind also oft gerade feministische LeserInnen, die Gay lesen. Außerdem liest man als Frau immer den sozialen Kontext mit. Man wird in die Persepektive der weiblichen Hauptrolle hineingezogen, ob man will oder nicht. Und für unemanzipierte Heldinnen muss man sich unwillkürlich fremdschämen. Wenn man über zwei Männer liest, hat man aus diesem ganzen Kontext eine Auszeit. Man kann ganz entspannt die Geschichte genießen, ohne sich über eine doofe Heldin ärgern zu müssen. Und es ist letztlich ja auch einfach eine Liebesgeschichte – im besten Falle eine sehr gute. Nur eben mit zwei Männern als Hauptfiguren.

Gibt es auf dem Markt der Gay Romance das Ganze auch mit Lesben?

Ja, das gibt es auch. Aber leider wird das sehr viel weniger gelesen. Zum einen sind die meisten Leserinnen des Genres selbst hetero – sie wollen einen männlichen Helden. Zum anderen hast du dann das Problem, als Frau in die weibliche Perspektive reingezogen zu werden quasi doppelt. Der Markt ist wesentlich kleiner.

Ich habe das Gefühl, dass Gay Romance aus Sicht der Autorinnen und Autoren trotz des Genrenamens weder eine Männerdomäne, noch eine Frauendomäne ist. Wie sieht es mit Vergleichstiteln aus? Sind die Menschen, die ähnliche Bücher schreiben, eher Autoren oder Autorinnen?

Das ist schon sehr deutlich – Gay Romance schreiben fast ausschließlich Frauen. Von daher ist es paradoxerweise doch eher eine Frauendomäne. Vermutlich liegt das daran, dass Männer generell weniger Romance lesen und schreiben. Ich habe zwar auch männliche Leser, aber die sind quasi eine Minderheit. Schade eigentlich! Warum Männer weniger Romance lesen müsste man sie mal fragen. 😉

Das bringt mich auf eine tolle Idee für eine zweite Interviewreihe nach der Autorinnenzeit. 😉 Wer sind deine zwei Lieblingsautorinnen, wenn du eine für dein eigenes Genre und eine frei nach Belieben wählen könntest?

Yay für neue Ideen! In meinem eigenen Genre lese ich total gerne Sachen von Bianca Nias*, mit der ich aktuell zusammen einen Gestaltwandlerroman schreibe. Ansonsten ist Jane Austen meine absolute Lieblingsautorin – unübertroffen wundervoll.

Welches Autorinnen-Buch hast du zuletzt gelesen?

Ich lese generell viel und gerne von Frauen. Zuletzt war es “Carry On” von Rainbow Rowell*.

Der Literaturnobelpreis ging 99 Mal an einen Mann, 14 Mal an eine Frau. Böse Zungen behaupten, Frauen würden eher redundantes Zeug schreiben und Männer eher die tief sitzende, wirklich wichtige Literatur. Was sagst du dazu?

Pföh! Zum einen macht es mich schon mal echt wütend, wenn typische “Frauengenres” abgewertet werden. Wer schon mal versucht hat, eine Liebesgeschichte zu schreiben, bei der die LeserInnen die Emotionen richtig fühlen und miterleben können, weiß, dass das eine hohe Kunst ist. Nur, weil etwas gut unterhält, ist es deswegen noch lange nicht banal. Meiner Meinung nach ist wichtige Literatur das, was unsere Herzen berührt. Ein Buch, nach dem ich sagen kann: das hat mich verändert. Wenn ich da an die Literatur (allesamt von Männern geschrieben) zurückdenke, die wir in der Schule lesen mussten, hat das nur ein einziges Buch geschafft. Das ist nicht wirklich viel. Ich wage mal zu behaupten: Diejenigen, die sagen, nur Männer schreiben wichtige Literatur, sind selber auch Männer.

Stell dir vor, der Literaturnobelpreis für das Jahr 2027 wird vergeben. Wie siehst du da die Quote von Frauen und Männern? Also: Wie wird sich die Branche entwickeln?

Es wird noch lange, lange dauern, bis wir einen 50:50 Stand erreicht haben, schon allein deshalb, weil da erst mal fast ein Jahrhundert lang ausschließlich Frauen gewinnen müssten, um die Vergangenheit auszugleichen, in der sie übergangen wurden. Ich weiß nicht, wie sich das Literaturnobelpreis-Gremium zusammensetzt. Solange da nicht genauso viele Frauen wie Männer sitzen, wird sich am Status Quo nichts ändern, fürchte ich.

Es gibt diese tolle Stelle in Jane Austens “Persuasion”. Da beklagt sich ein Mann über den Wankelmut der Frauen und führt als Beweis die Literatur der Zeit an, die das bezeugt. Die Heldin weist dann darauf hin, dass all diese Literatur von Männern geschrieben wurde.

Und wieder hab ich etwas Neues erfahren! Ich danke dir dafür. Es ist Zeit für ein Fazit. Möchtest du den Lesern etwas mitgeben, was sie beherzigen sollen?

Och du, jeder darf und soll lesen, was er/sie möchte. Ich wünsche allen LeserInnen ganz einfach Offenheit und Neugier, das macht das Herz weit. Ab und an was Neues ausprobieren und tolerant gegenüber Leuten sein, die ein Genre lieben, das man selbst nicht mag.

Das klingt warmherzig und offen. Kann ich nur bestätigen; jeder soll die Geschichte lesen und Neues entdecken wollen. Leser wären nicht Leser, wenn sie nicht neugierig wären 😉
Ich bedanke mich sehr herzlich für dieses tolle Interview! Es war mir eine Ehre, dass ich dich dabei haben durfte!

Mir hat’s sehr viel Spaß gemacht! Hab vielen Dank für deine tollen Fragen! Das war echt was ganz Besonderes. 🙂

sj_swSusann Julieva schreibt Gay Romance und Urban Fantasy und ist ein echter “Herbstmensch”, der aufblüht, wenn Nebel wabern und Halloween-Kürbisse vor den Häusern stehen.

Refugium: Seelenstaub*” kannst du für 10,95 € als Taschenbuch bei Amazon erhalten.

Website: www.susannjulieva.de
Facebook: fb.me/SusannJulieva
Twitter: @susannjulieva
Instagram: @susannjulieva

Nächste Woche wird mir Allrounderin und Bald-Verlagsautorin Julia Hartmann Rede und Antwort stehen.

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3 Gedanken zu „Bis es 50:50 steht, wird es noch ewig dauern

  • Na, das war doch mal eine verständliche und selbst mir einleuchtende Erläuterung des “Phänomens”, dass Gay Romance von Frauen für Frauen geschrieben wird. Wenn man den Gedanken umdreht, dann müsste Gay Romance mit zwei Frauen ja für Männer fast besser funktionieren als Hetero Romance. Denn tatsächlich gehen mir ganz oft die Kerls in diesen Geschichten auf die Nerven. Gibt es da irgendeine Empfehlung, mit der ich das mal testen könnte?

    Auf jeden Fall: Dankeschön euch zwei für das tolle Interview!

    • Hallo Michael!
      Ich bin nicht sicher, ob es Vergleichstitel gibt, die Susann empfehlen kann. Frag’ sie doch einfach mal auf Twitter. Ich selbst hatte noch keine Berührungspunkte mit dem Genre oder dem lesbischen Gegenstück. Wenn du auf etwas Gutes stößt, sag gerne bescheid!

      Grüzie
      Kia

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