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Lebenstraum – #24Autoren mit Stefan Wollschläger

Was ist real? Der zweite Fall von Diederike Dirks ist ein spannendes Krimi-Verwirrspiel voller dramatischer Wendungen.
Stefan Wollschläger präsentiert uns die erste Szene aus “Friesenklinik” mit dem Titel “Lebenstraum”.

stefanwollschlaeger

Friesenklinik

Lebenstraum

„Warum sind Sie hier, Frau Rewerts?“ Frau Doktor Ahlmeier schaute sie ernst, aber fürsorglich an.
„Weil ich glücklich bin.“ Jorina Rewerts fuhr sich lachend durch das kastanienfarbene, schulterlange Haar und auch auf dem Gesicht der Ärztin zeigte sich ein Lächeln. Sie saßen auf einem blauen Sofa in der Ecke der modern eingerichteten Praxis. Auf dem Beistelltisch standen Gläser, zwei Flaschen Wasser – mit Sprudel und still – und eine Schale mit Keksen. Jorina hatte nichts davon angerührt, während sie gewartet hatte. Es war Montag, kurz nach 16:00 Uhr, und Jorina war froh, dass die Ärztin sich überhaupt noch Zeit für sie genommen hatte, obwohl die Sprechstunde schon vorbei war.
„Das hört man doch gerne.“ Doktor Ahlmeier goss sich stilles Wasser ins Glas und gönnte sich einen Keks. „Normalerweise hat es Patienten, die so kurzfristig um einen Termin bitten, besonders hart getroffen.“
Jorina wusste nur zu gut, was die Ärztin meinte. Vor zehn Jahren hatte sie sich auch in einem Schockzustand befunden. Damals hatte es in diesem Raum noch keine Sitzecke gegeben. Aber solche Wohlfühlplätze, die Vertrauen schaffen sollten, gab es mittlerweile überall. Selbst in der Bank, in der sie arbeitete, empfing man die Kunden heutzutage so. Aber nicht nur die Möbel waren neu, auch die Wände waren in einem wärmeren Weißton gestrichen worden und die Zimmerpalme sah gesünder aus. Die Bilder waren erneuert worden, obwohl das Motiv gleichgeblieben war. Schon im Flur hatte sie sich die Collagen mit Fotos von Neugeborenen und Dankeschön-Postkarten angesehen.
Doktor Ahlmeier hatte vor zehn Jahren auch nicht hier gearbeitet. Mehr Wärme als Doktor Legerét strahlte wohl jeder Mensch aus, aber auf Freundlichkeit konnte Jorina gut verzichten. Das Wichtigste war für sie, dass jemand seinen Job beherrschte.
„Ich habe neulich den Artikel in der Ostfriesen-Zeitung gelesen“, sagte Jorina. „Das Interview mit Ihnen über Social Freezing.“
Doktor Ahlmeier seufzte. „Ich hätte es besser gefunden, wenn die Zeitung auf den Scherz verzichtet hätte, den Artikel mit ‚Social Friesing′ zu überschreiben, nur weil sich unser Kinderwunschzentrum in Ostfriesland befindet.“
Jorina grinste, denn sie hatte das Wortspiel gemocht. „Und die eingefrorenen Zellen werden jetzt in einer Kryobank bei Bremen aufbewahrt? War die Bank früher nicht in Minden?“
„Der Betreiber der Kryobank wollte die Lagerung ins europäische Ausland verlegen, da haben wir gewechselt. Obwohl die Sicherheit der Zellen natürlich auch dort gewährleistet wäre, fühlen sich unsere Patientinnen doch besser, wenn die Zellen in ihrer Nähe aufbewahrt werden.“
„Das ist gut.“
„Wie ich merke, haben Sie sich schon sehr gut informiert. Interessieren Sie sich denn für eine Kryokonservierung? Möchten Sie Ihre Eizellen durch uns einfrieren lassen?“
„Das habe ich schon. Vor zehn Jahren.“
„Dann müssen Sie aber sehr jung gewesen sein. Gab es einen besonderen Grund, warum Sie sich so früh für dieses Verfahren entschieden haben?“
„Ich hatte Darmkrebs. Es war klar, dass die Chemotherapie meine Eizellen beschädigen würde, also habe ich mich dafür entschieden, sie vorher einfrieren zu lassen.“
Doktor Ahlmeier nickte. „Das war klug von Ihnen. Viele Frauen haben nicht mehr die Energie dazu, wenn sie unter dem Schock der Krebsdiagnose stehen.“
„Es hat mir Kraft gegeben, das zu tun. Es hat sich angefühlt, als ob ich meiner Krankheit ein Schnippchen schlagen würde. Durch die Gewissheit, dass ich später einmal eine Familie haben kann, konnte ich die Therapie besser durchstehen.“ Erst jetzt wurde Jorina klar, wie weit sie in den zehn Jahren gekommen war. Sie mochte das Wort nicht, aber in diesem Moment empfand sie es als ein Wunder, dass sie hier saß. Die dunklen Zeiten waren nun endgültig vorbei.
Doktor Ahlmeier wirkte gerührt, als ob sie sagen wollte: ‚Genau deshalb liebe ich meinen Beruf. Um Menschen in ihrer Situation helfen zu können‘.
„Und jetzt ist es so weit.“ Jorina fühlte die Begeisterung in sich aufsteigen. „Jetzt habe ich endlich den Mann kennengelernt, mit dem ich eine Familie gründen möchte.“
„Erzählen Sie mir von ihm.“ Doktor Ahlmeier nahm sich einen zweiten Keks.
„Christian ist mein Chef. Er ist groß und schlank und sieht in seinem Anzug immer umwerfend aus. Er hat Geschmack, was Mode betrifft, und auch sein Rasierwasser duftet wahnsinnig gut. Er ist vor einem halben Jahr nach Aurich gezogen, um die Bankfiliale zu leiten. Ich fand ihn schon im ersten Meeting äußerst attraktiv. Seit drei Monaten sind wir zusammen. Und als ich heute Morgen aufgewacht bin, da habe ich plötzlich gewusst, dass ich mit ihm mein Leben verbringen will. Auf einmal kann ich mir vorstellen, mit ihm zusammen in einem Haus zu wohnen und Kinder aufzuziehen.“
„Und kann er sich das auch vorstellen?“
„Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Das klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich wollte mich erst vergewissern, dass mit meinen Zellen alles in Ordnung ist. Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und da die Umstände damals sehr negativ für mich waren, habe ich die Erinnerung daran immer gemieden. Ich wollte also erst einmal mit Ihnen reden.“
Doktor Ahlmeier lächelte. „Nein, das ist nicht blöd.“ Sie stand auf und ging zum Schreibtisch. Während sie am Computer etwas in die Tastatur tippte, schaute sich Jorina noch einmal die Bilder an den Wänden an. In einem Jahr würde hier ebenfalls solch eine Collage von ihrem ersten Baby hängen, daneben eine von ihr mit roter Tinte geschriebene und mit bunten Schleifchen beklebte Dankeschön-Karte.
„Jorina Rewerts?“, vergewisserte sich Doktor Ahlmeier.
„Genau.“
„Wie man es spricht oder irgendwie anders?“
„R-e-w-e-r-t-s.“
„Und Sie haben Ihre Zellen vor zehn Jahren bei uns entnehmen lassen?“
„Es waren insgesamt zwei Eingriffe, um eine größere Anzahl von Zellen zu gewinnen.“
Doktor Ahlmeier hämmerte immer weiter auf der Tastatur herum.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Jorina. Die Sorgenfalten auf der Stirn der Ärztin machten allerdings deutlich, dass das nicht der Fall war.
„Haben Sie vielleicht Ihre Unterlagen dabei?“, fragte Doktor Ahlmeier.
Jorina schüttelte den Kopf. „Es war ein spontaner Gedanke, Sie aufzusuchen. Ich bin direkt nach der Arbeit hierhergefahren. Christian ist gerade auf einer Fortbildung in Berlin, da hat das gut gepasst. Was ist denn los?“
„Es tut mir Leid, Frau Rewerts, aber ich kann Sie nirgendwo in unserer Patientendatei finden. Wir haben keine Zellen von Ihnen.“

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