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Atem – #24Autoren mit Peter Hildebrandt

Sie umgibt uns, ist lebenswichtig. Sie ist in Gefahr.
Eine kleine Episode aus einer nicht mehr fernen Zukunft. Für manche schon Wirklichkeit.

peter

Atem

Der Junge mit dem Mundschutz sah ihn an.
„Kommst du wirklich, Papa?“
Seine Stimme klang rau, und er atmete schwer.
„Ja, morgen schon“, sagte Thomas Hellmann und strich Leon über den Kopf.
Die letzten Tage hatte der Siebenjährige wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus verbracht. Es grenzte an ein Wunder, dass er die Reise auf sich nehmen konnte. Die Uhr in der Bahnhofshalle zeigte kurz vor elf, und sie standen zwischen all den wartenden Menschen, die mit ihnen die Stadt verlassen wollten.
Thomas fing Sandras Blick auf. Seine Frau wirkte müde und angespannt.
„Ich habe dir noch etwas auf die Fensterbank gelegt“, sagte sie. „Vergiss das bloß nicht.“
„Sicher“, sagte er.
Der Zug sollte sie in der Nacht nach Hamburg bringen, dann weiter bis kurz vor die dänische Grenze. Sandras Eltern lebten in der Nähe des friesischen Wattenmeeres, und hier hatte Leon bessere Chancen, ohne Lungenschaden aufzuwachsen.
„Macht euch keine Sorgen“, sagte Thomas, „wir schaffen das.“
Als der Zug einfuhr, schloss er Sandra nochmals in die Arme.
„Ruf an, wenn du losfährst“, sagte sie.
Er versprach es und wusste, dass er noch lange wachliegen würde.

Die Stille im Haus weckte Thomas kurz vor fünf, und er spürte die Einsamkeit in der verlassenen Wohnung. Lauschend hob er den Kopf, doch von nebenan drangen keine Geräusche an sein Ohr. Die Nachbarn hatten sich gestern schon verabschiedet. Und die alte Frau Fischer aus dem Erdgeschoss, deren Fernseher immer bis in den dritten Stock hinauf dröhnte, hatte ihm zum Abschied einen kleinen Kuchen vor die Tür gestellt. Auch sie wollte wieder aufs Land ziehen.
Mit der Kaffeetasse in der Hand stand Thomas bald darauf am Wohnzimmerfenster und blickte hinaus in die noch schlafende Siedlung. Alles wirkte ruhig und friedlich, doch in seinem Inneren erwachte die Spannung.
Ich bin der Letzte, dachte er und trank einen Schluck gegen das Kratzen im Hals. Seit er in der vergangenen Woche Umzugskisten geschleppt und den Transporter beladen hatte, spürte er zudem ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust.
Ich habe den Mundschutz draußen vergessen, dachte er und hustete schwer. Der Kaffee schwappte aus der Tasse und hinterließ dunkle Flecken auf dem Teppichboden. Er nahm es hin, denn an diesem Ort hielt ihn jetzt nichts mehr.

Als der Hustenanfall verging, erinnerte sich Thomas an das letzte Gespräch mit Sandra.
„Bist du sicher, dass es keine Alternative gibt?“, hatte er gefragt.
„Schau doch mal raus!“, antwortete sie, und Thomas sah aus dem Fenster, das sich nicht öffnen ließ. Über den grauen Dächern der Hochhaussiedlung lag ein feiner Nebel, und die untergehende Sonne tauchte die Umgebung in ein diffuses Licht. In der Ferne ragten qualmende Fabrikschlote aus den Wolken empor.
Sie hatten lange darüber gesprochen, die Stadt zu verlassen. Leon hustete immer stärker und litt unter der schlechten Luft. Auch Sandra hielt es nicht mehr aus. Als Stationsschwester kannte sie die Anzeichen erhöhter Staubbelastung.
„Ich sage dir, die wollen, dass wir verrecken! Für den Profit gehen die über Leichen. Du glaubst nicht, was in den Entwicklungsländern für Versuche gemacht werden. Wirkungslos für Patienten, aber gut fürs Geschäft.“
Thomas nickte; er hatte ebenfalls schon von den üblen Machenschaften gehört.
„Willst du noch mehr wissen?“, fragte sie.
„Nein“, sagte er. Ihm reichte es, dass der Nebel, der sich selbst an windigen Tagen kaum auflöste, sie umbringen würde.
Sandra fuhr fort: „Der neueste Mundschutz ist ein Witz. Der hält nur die PM 10-Partikel zurück. Aber die PM 2,5-Partikel wandern direkt in die Lunge. Darüber spricht niemand.“
„Und die Grenzwerte, die sie jeden Tag verkünden? Was ist damit?“
„Alles nur Theater“, sagte sie. „Du kannst gerne hierbleiben und dein Leben riskieren, aber ich werde mit Leon gehen.“
Die Entscheidung lag allein bei ihr, und da er beide nicht verlieren wollte, gab er den gut bezahlten Job in der Werbeagentur auf.

In Gedanken versunken, griff er nach dem kalten Kaffee und entdeckte die kleine Schachtel auf dem Fensterbrett. Davon hatte Sandra gesprochen.
Thomas las den Schriftzug „High Performance Protection“ und öffnete die Packung. Es handelte sich um einen 10er Satz Nasenfilter, die gegen kleinste Feinstaubpartikel den besten Schutz boten. Sie mussten alle eineinhalb Stunden gewechselt werden, doch Thomas bezweifelte, dass zwei dünne Lagen Filtervlies, die ein schmaler Bügel zusammenhielt, sein Dasein verlängerten.
Er blickte auf die Uhr und wählte Sandras Nummer. Wenn der Zeitplan stimmte, befanden sie sich jetzt kurz vor dem Ziel. Eine freundlich säuselnde Stimme sagte: „Der gewünschte Gesprächspartner ist zur Zeit nicht erreichbar.“
Irritiert sah Thomas auf das Display, stutzte und wählte erneut. Wieder kam die Ansage: „Der gewünschte Gesprächspartner-“
In seinem Magen rumorte der Kaffee, während er die Nummer der Schwiegereltern anrief. Nach endlosem Klingeln forderte ihn der Anrufbeantworter auf, eine Nachricht zu hinterlassen.
Ruhe bewahren, ermahnte er sich, es gab bestimmt einen triftigen Grund, warum sie sich nicht meldeten. Als der Husten wiederkam, fiel die Tasse aus seiner Hand und zerbrach auf dem Boden.
Meine Zeit läuft ab, dachte er. Ohne auf die Scherben zu achten, zog Thomas die Jacke an, griff die Schachtel und schob den ersten Satz Filter in die Nase. Sorgfältig befestigte er den Mundschutz und glaubte für einen Moment, unter der Maske zu ersticken. Langsam sog er die Luft ein und verdrängte die aufsteigende Panik.
Die Hand lag schon auf der Türklinke, als er sich noch einmal umsah.
Wir werden es schaffen, dachte er. Wir werden leben. Irgendwann ziehen wieder weiße Wolken über den blauen Himmel. Und die Luft schmeckt salzig. Der Wind zerzaust Sandras Haare, und Leon atmet endlich unbeschwert.
Mit diesem Bild vor Augen presste er die Lippen zusammen und verließ die Wohnung. Er machte sich nicht die Mühe, die Tür abzuschließen.

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peterhildebrandt

Twitter: @PMLakeman
Blog: schattenspringerblog.wordpress.com

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