Philosophie Teetexte

Wer philosophiert, hat seine Zeit sinnvoll verwendet

17. Februar 2017

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Wer philosophiert, hat seine Zeit sinnvoll verwendet

Ich beginne diesen Teetext mal mit dem mir am Herzen liegenden Buch, um zu erklären, wieso ich diesen Teetext schreibe und wie ich ihn schreibe. Es geht um das Mosaik der verlorenen Zeit von Elyseo da Silva. Dabei will ich hier nicht auf den Klappentext eingehen, nicht auf Rezensionen und noch weniger auf Autor und Inhalt. Das kann jeder selbst, dafür braucht man keinen Tee.

Wofür man aber Tee braucht, ist eine kurze Zeit des Philosophierens über den unschlagbaren Titel. Und damit meine ich nur den Titel. Mit Abstand zu dem, was sich dahinter verbirgt.

Foto: Kia Kahawa
Foto: Kia Kahawa

Mosaik der verlorenen Zeit. Was könnte das sein? Dafür friemele ich den Titel in seine Bestandteile auf:

Mosaik.
Zeit.
Verlust.

Die erste Frage, die sich mir als Autorin von “Warum die Zeit missverstanden wird” stellt, ist: Kann man Zeit verlieren?

Für mich ist Zeit wie Energie. Und Energie lässt sich nur umwandeln. Reibungsenergie wird zu elektrischer Energie in einem Dynamo. Motivationesenergie wird bei vielen Autorinnen und Autoren aus meinem Bekanntenkreis zu Prokrastinationsenergie. Und am Ende unseres Lebens wird die Lebensenergie zu etwas, was wir nicht greifen können. Etwas, das nicht jeder Alte und Kranke hat, aber was sein oder ihr Ziel sein sollte: Die Energie der Ruhe. Der Gelassenheit. Der Akzeptanz.

Es hilft keinem 99-Jährigen, seiner Karriere als Tennisspieler nachzuweinen. Es ist nahezu unmöglich, in dem Alter eine Weltreise anzutreten und dabei alle Abenteuer so auszukosten, wie die jungen 30-Jährigen das tun können. Es sei denn, man wird hundert und steigt aus dem Fenster… Kleiner Witz am Rande (hä?*).

Zeit kann also nur umgewandelt werden. Und dabei erahnen wir einen Verlust erst dann, wenn wir annähernd unzufrieden sind mit dem, was uns geboten ist. Wir warten auf einen Zug und planen dafür ein, zehn Minuten in der Gegend herumzustarren und uns an der Hässlichkeit des Bahnhofes zu erfreuen. Als geduldige, mündige Menschen stellt dies kein Problem dar – schon gar nicht, wenn wir das Hässlichkeit-Genießen eintauschen in das Pflegen unserer sozialen Kontakte durch das kleine, nervende Rechteck, das ein jeder von uns in seiner Hosentasche durch die Weltgeschichte spazieren trägt.

Zeit geht also verloren, wenn wir statt zehn Minuten am Smartphone nun zwanzig Minuten daddeln müssen. Oder wenn der Arzt seinen Terminplan derartig überfüllt hat, dass die Wände des Wartezimmers mit jeder Minute näher kommen, die wir unnötigerweise warten. Denn in dieser verlorenen Zeit haben wir einen kleinen Abschnitt unseres Lebens geopfert, den wir nie wieder zurückbekommen. Die Steuererklärung liegt auch nach zwei Stunden im Wartezimmer unberührt auf dem Schreibtisch und will nach wie vor deine Zeit fressen.

Ist die Zeit dann also verloren?

Nein, das ist sie nicht. Wir haben lediglich produktive Zeit in unproduktive Zeit umgewandelt. Wer achtzig Jahre lebt, hat nicht weniger gelebt, wenn er mehr Zeit im Krankenhaus verbracht hat als jemand anderes. Wer zwei Stunden im Wartezimmer gelangweilt und genervt auf seinem Stuhl hin und her wackelt und dabei mit dem Fuß zittert, hat diese zwei Stunden nicht verloren. Dein Geburtstag findet ohnehin am Datum X statt. Du wirst heute in einem Jahr ein Jahr älter sein. Du wirst nicht in einem Jahr um dreihundertfünfundsechzig Tage minus 20 Stunden Wartezimmer minus drei Tage Auf-den-Zug-warten minus fünf Stunden ergebnislose Vorstellungsgespräche (minus x minus y) älter sein. Ein Jahr ist ein Jahr. Eine Stunde ist eine Stunde. Sei dir dessen bewusst.

Übrigens: ich gehe bei dieser Annahme davon aus, dass deine Lebenszeit begrenzt ist. Von vornherein. Ob das ein Gott oder das Schicksal war; ich gehe davon aus, dass alles seinen Sinn hat. Ob du morgen bei einem Autounfall stirbst, ist dabei nicht relevant, denn auch das hat seinen Sinn. Klingt komisch, aber darauf komme ich ein andern Mal zurück.

Dann bleibt uns noch das Mosaik. Das Mosaik der umgewandelten und fehlerhat beurteilten Zeit. Ein Mosaik besteht aus vielen kleinen Fragmenten, die einzeln für sich vielleicht hässliche, unbrauchbare Scherben darstellen. Gemeinsam ergeben sie ein Ganzes und jedes Einzelne von ihnen trägt dazu bei, dass das Gesamtwerk etwas Schönes ist. Ob es nun beeindruckend ist, bleibt wieder der eigenen Interpretation überlassen.

Wenn wir also die fehlinterpretierte, also missverstandene Zeit (die ja wie ich bereits erwähnte, nicht verloren ist), in ein Mosaik setzen, so ergibt sie einen Sinn.

Jeder von uns trägt ein solches Mosaik in sich. Wäre Person X nicht Zeit beim Warten auf einen viel zu späten Zug vergangen, hätte Person Y nicht glücklicherweise die frühere Bahn als erwartet erwischt. So konnten X und Y aufeinandertreffen und eine Familie gründen.

Wäre ein geliebter Mensch nicht gestorben, hättest du die Stadt nicht gewechselt. Im neuen Wohnort hättest du keinen Fuß fassen können und nicht die Schönheit deiner Bestimmung kennengelernt.

Ich finde, ein Mosaik der verlorenen Zeit ist also ein “wäre nicht, dann wäre auch nicht…”-Konstrukt, das wir in uns tragen. Eine Kette von Verschachtelungen der verlorenen Zeit, die uns im ersten Moment, ja, vielleicht sogar in den ersten Monaten und Jahren, negativ erscheint. Am Ende aber dann doch etwas Gutes ergibt.

Mein persönliches Mosaik der verlorenen Zeit begann 2004 und wirkt sich noch heute auf meine Gegenwart aus. Die #BartBroAuthors sind ein Verein, der mir unglaublich gut tut. In dem ich nicht wäre, wenn ich nicht “Die Krankheitensammlerin” geschrieben hätte. Die ich nicht geschrieben hätte, wenn ich nicht selbst Erfahrungen mit Krankheiten gemacht hätte. Die ich nicht hätte, wenn nicht… Und das wäre nicht passiert, wenn nicht…

Du verstehst, worauf ich hinaus will?

Schön. Dann schnupper in “Mosaik der verlorenen Zeit*” hinein. Wie interpretiert Elyseo da Silva diesen Begriff? Was hat er auf unglaublich vielen Seiten darüber zu sagen?

Ich spoilere nicht. Nur so viel sei gesagt: Es hat nichts mit dem zu tun, was ich in diesem Teetext erörtert habe. Ich mache keine Werbung für Bücher. Ich denke nur nach. Und ich schreibe. Mit einem herrlichen, mir von dem Autoren höchstpersönlich empfohlenen Tee;

kia_kahawa

Kia mit Tulsi-Ingwer-Orange-Tee*.

 

 

Elyseo trinkt gerne Tulsi-Ingwer-Orange-Tee. Foto: Elyseo da Silva
Elyseo trinkt gerne Tulsi-Ingwer-Orange-Tee.
Foto: Elyseo da Silva

Elyseo da Silva ist der Mann mit dem Lippenpiercing und dem breiten Grinsen, der irgendwie ständig irgendwo anders ist. Der reisendste Autor der BBA schreibt persönlich, humanistisch und ehrlich auf seinem Blog bzw. seiner Website. Ich freue mich sehr, Elyseo im März in Leipzig endlich auch persönlich kennenlernen zu dürfen!

Elyseo da Silva: Mosaik der verlorenen Zeit

Ein Maya-Mädchen in den Wirren des guatemaltekischen Bürgerkriegs; zwei Freunde auf der Suche nach den Ursprüngen eines mysteriösen Traumes; eine Reisende auf dem Lachsweg und das Warten eines Fragenden auf eine Antwort von Godot.
Ein Abenteuer entlang der Bruchstellen der Zeit.

www.mosaikderverlorenenzeit.de

 

Du kannst Elyseos Website besuchen und ihn auf Twitter, Instagram und Facebook finden.

Kia (*1993) produziert. Gedanken mit Menschen teilen - ob als Blog, Roman, Zeichnung, Musikstück, Sachbuch oder Hörspiel - das ist es, was am Produzieren so fasziniert.

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