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Minimalismus als Wegbereiter meiner Reisen

7. April 2017

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Minimalismus als Wegbereiter meiner Reisen

Minimalismus ist längst ein Trend geworden. Auf Youtube sieht man immer wieder Videos von den typischen Quantitäts-Mädchen, die plötzlich Minimalismus vergöttern. Ihren Kleiderschrank ausmisten und merken, dass sie weniger besitzen wollen. Denn: Besitz ist Belastung.

Foto: Kia Kahawa
Foto: Kia Kahawa

Quantitätsmädchen, so bezeichne ich die ganzen Ladies, die Videos über Beauty und Lifestyle drehen. Es geht darum, besonders gut vor den wirklich schlimmen Dingen des Lebens so wie Pickel und Akne geschützt zu sein. Man muss sich gut fühlen, um von einem sonnengebräunten, 1,90 Meter großen Traumtypen geliebt zu werden.

Das ist alles natürlich totaler Käse, aber so ist das Bild, das ich von besagten Quantitätsmädchen habe. Es geht irgendwie immer nur um etwas, das an der Oberfläche kratzt.

Ich habe selten eine Frau auf Youtube gesehen, die echte Comedy macht. Oder gute Musik. Klar, einige kenne ich. Das sind die Qualitätsmädchen, die ich gerne jedem weiterempfehle:

  • Marie Meimberg
  • Mirellativegal
  • Malwanne

Diese Leute machen gerne gutes Zeug. Es sind nur drei einzelne Empfehlungen; aber das liegt daran, dass ich beim Verfassen dieses Textes kein Internet habe. Hoffentlich schaffe ich es bis Freitag, wieder an Internet zu kommen.

Ach, bestimmt packe ich das. So kommt es doch immer: Alle guten Dinge funktionieren irgendwie.

[bitte warten]

Und da kommt es, das Funktionieren von Dingen. Neben mir sitzt ein junger Mann, und er heißt Maik. Fragt mich einfach, ob ich Internet haben will. Zack, ich habe Internet, sein Handy wird geladen und ich kann mir einen Keks freuen. Beziehungsweise kann ich jetzt ordentlich recherchieren und mal schauen, welche weiblichen Youtuber ich abonniert habe. Und welche das waren, die mich auf den Minimalismus gebracht haben.

Der internetgebende Maik und ich im Metronom in Uelzen
Der internetgebende Maik und ich im Metronom in Uelzen
Dank Maik weiß ich jetzt, dass ich folgende Youtuberinnen als Qualitätsmädchen bezeichnen will:

  • Fräulein Chaos
  • Moin Yamina
  • Kelly Misses Vlog (mit Einschränkungen)
  • Wanted Adventure
  • kleinaberhannah

(Krass… alle anderen sind männlich oder bestehen aus Gruppen)

Minimalismus ist auf Youtube derzeit überwiegend von weiblichen Youtubern zu sehen.

ItsColeslaw, Typisch Sissi, Hannah Dette, Moin Yamina, vegan power girl, Lisa’s Lab und Diie Jule sind Youtuberinnen, die an der Oberfläche kratzen. Es geht darum, den Kleiderschrank auszumisten und mal weniger Schminkzeug zu benutzen. Es wird gebloggt, was das Zeug hält. Und ich wette, die Blogger und Vlogger, die großartiger Weise ihren Kleiderschrank ausgemistet haben, konsumieren exzessiv andere digitale Beiträge über Minimalismus.

Minimalismus habe ich bisher immer als Verzicht verstanden. Als das Leben mit wenigen Dingen und das Glücklichsein damit. Im Internet spricht man plötzlich von Downshifting und Konsumverzicht.

Dabei denke ich bei Konsum natürlich sofort an Essen. Trinken. Musik. Visueller Konsum. Irgendwie sowas.

Der Konsum von Videos, Blogartikeln oder Podcasts wird beim Minimalismus, der gerade ach-so-sehr im Trend ist, ignoriert. Dabei ist doch der Besitz, den wir haben, eine gleich große Last wie die Dauerbeschallung durch die Medien. Finde ich jedenfalls.

Mein Experiment startete so ziemlich genau am 31. März diesen Jahres. Klar, davor habe ich auch Dinge getan wie den Kleiderschrank aufzuräumen oder mich mal von alten Dingen zu trennen. Doch am 31. März war ich mit meinem Minimalismus und dem Wunsch, aufzubrechen so weit, dass ich sogar mein Bett verkaufen wollte.

Auf ebay war das ausreichend schwer – aber darum geht es nicht.

Ich reiste also los. Ohne Geld, ohne Plan. Ohne den Gedanken an Besitz zu Hause und auch ohne die innere Option, zurückzukehren und alles wieder so zu nutzen und so zu leben, wie es vor besagtem Tag war.

Mein Minimalismus fußt also nicht auf dem Trend, seinen Lifestyle entsprechend anzupassen, sondern auf dem Wunsch, auszubrechen. Ich will raus aus der 40-Stunden-Woche. Raus aus 20 Urlaubstagen im Jahr, in denen ich ausnahmsweise mal selbstbestimmt leben und mit meiner Zeit machen kann, was ich will.

Ist es also “echter” Minimalismus? Darf man das abgrenzen zu dem Trend, der die sozialen Medien erobert?

Darauf kann ich keine Antwort geben. Ich weiß nur, dass Minimalismus die Beschränkung auf das Nötigste ist.

Bei Galileo sah ich eine asiatische Familie, in welcher es weder Stühle noch Tische gab. Klar, auf Reisen brauche ich das auch nicht, fahre ich doch mit dem Metronom quer durch Niedersachsen, bevor es für mich ins Ausland geht, aber wo immer ich wohnen werde; wo immer ich schließlich ankomme, da soll es Tisch und Stühle geben. Mich hat der Besitz eines Tisches noch nie belastet. Im Gegenteil!

Was nötig ist, ist also subjektiv. Während einige Menschen etwas nicht brauchen, kann ich nicht ohne leben. Da fällt mir zuerst meine Trompete ein. Ohne geht nicht, auch wenn ich wenig bis gar keine Zeit zum Spielen habe.

Es geht also darum, nur noch das zu besitzen, was einen glücklich macht.

Und das, was mich nicht glücklich macht, ist nicht einfach irgendwie da und lässt mich kalt. Das habe ich in den vergangenen Monaten gelernt. Die E-Gitarre, die ich zu meinem 18. Geburtstag bekommen habe, steht seit Wochen in meiner Wohnung rum. Ein guter Freund wollte auf ihr spielen und so packte ich sie aus – bis er plötzlich von anderen Bekannten eine neue Gitarre bekam. So stand sie dort und begann, zu stören.

Beim Staubsaugen.

Beim Bodenwischen.

Beim Fensteröffnen (Einzimmerwohnung sei Dank).

Und allgemein war sie einfach da und bereitete mir ein schlechtes Gewissen: “Kia, du hast eine E-Gitarre! Ein sau teures Teil. Früher hast du Unterricht gehabt und so gern Gitarre gespielt.”

Ich wehre mich. Will nicht spielen, weil ich erstens nicht wüsste, was ich spielen wollte, und zweitens noch immer glaube, dass meine Finger behindert sind. Jedenfalls kann ich mit dem flachen Zeigefinger keine Barrégriffe. Und so steht sie da und erinnert mich an all die Stunden, die ich verpasst habe. Hätte ich seit den Jahren, seitdem ich sie besitze, täglich auf ihr gespielt, wäre ich längst ein Rockstar.

Ach, und eine Posaune steht da auch noch. Bestimmt wäre ich eine Jazzlegende. Die Hanteln unter meinem Schreibtisch lachen mich aus, weil ich noch längst keine durchtrainierte Muskelstruktur entwickelt habe und die Kettlebell reiht sich ebenfalls mit ein.

Mein Tonstudio besteht aus vielen kleinen Dingen, die mich tagtäglich passiv beeinflussen. Mit dem Kaoss Pad habe ich lange keine analogen Effekte mehr gebraucht. Die Mikrofone gammeln vor sich hin und nur eines brauche ich regelmäßig zum Telefonieren. Dank wireless Headset wohl bald nicht mehr. Wozu brauche ich ein Mischpult, wenn ich nur alleine für Buchtrailer komponiere und allenfalls mal am Klavier ein paar alte Melodien zocke?

Der Punkt wird klar, denke ich. Minimalismus ist ein gutes Experiment. Gleichzeitig eine tolle Grundlage, wenn man so wie ich auf Reisen gehen möchte.

Andererseits stellt Minimalismus für mich eine Herausforderung dar. Denn alles, was mich nervt, aber irgendwie auch nicht, weil es einfach nur unschuldig irgendwo rumsteht und theoretisch niemanden stören müsste, könnte man ja noch gebrauchen.
Verkaufen.
Jemandem schenken.

Aber ich bin frei. Ich will kein “das kann man noch gebrauchen” mehr. Ich will hohe Qualität meiner Besitztümer. Und mich nur mit dem Nötigen umgeben und damit glücklich sein.

Wie das mit dem Konsumverhalten und dem Bloglesen sowie Youtube-Schauen ist, ist eine andere Geschichte.

Vielleicht bin ich doch kein so guter Minimalist …

kia_kahawa

Geschrieben im Metronom zwischen Hamburg und Uelzen.

Spenden für mehr Begegnungen:
http://patreon.com/kiakahawa




  • Kia (*1993) produziert. Gedanken mit Menschen teilen - ob als Blog, Roman, Zeichnung, Musikstück, Sachbuch oder Hörspiel - das ist es, was am Produzieren so fasziniert.

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