Autoren an die Steuer

Das Missverständnis mit der Reichensteuer

12. April 2017

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Das Missverständnis mit der Reichensteuer

Bei der Einkommensteuer wird das Einkommen je nach Veranlagung und Höhe zwischen 14 % und 45 % versteuert. Bei einem Steuersatz von 45 % spricht man von der Reichensteuer. Gerechtigkeitsfanatiker freuen sich, müssen die Reichen doch 45 % ihres Einkommens abgeben – doch das ist nicht richtig.
In dieser Ausgabe von “Autoren an die Steuer” decke ich das Missverständnis mit der Reichensteuer auf.

 

Grenzsteuersatz und Durchschnittssteuersatz

 

Schau mal in die Einkommensteuertabellen. Zum Beispiel nehme ich mir die ESt-Grundtabelle für das Jahr 2016. Die Grundtabelle für 2017 klingt aktueller, ist aber nicht interessant an dieser Stelle, weil wir im Jahr 2017 die Steuererklärung für das Jahr 2016 anfertigen.

2017-04-10-10_54_29-grundtabelle-grundtabelle-2016-pdf
Hier beginnt die Tabelle bei einem Einkommen von 8.600 Euro. Die Steuer beträgt 0,00 €. Erst bei einem Einkommen von 8.700,00 € zahlt man Steuern, und zwar 6 Euro.

Daneben findest du die Spalten “Durchschnittssteuersatz” und “Grenzsteuersatz”. Alles andere interessiert uns an dieser Stelle nicht.

Da die Tabelle hier großartig rundet, muss ich mal mit echten Zahlen um die Ecke kommen. Damit das nicht zu schnell zu kompliziert wird, gebe ich dir hier eine Info, die du vorerst nur so hinnehmen musst:

Der Durchschnittssteuersatz ist der Steuersatz, den man erhält, wenn man die Steuer durch das zu versteuernde Einkommen teilt.
“Wie viel Prozent meines Einkommens muss ich an den Staat abgeben?”

Der Grenzsteuersatz ist der Steuersatz, den man auf jeden weiteren Euro zahlt, den man über das in der linken Spalte angegebene Einkommen hinaus verdient.
“Wenn ich jetzt noch einen Euro mehr verdiene, wie viel Prozent davon muss ich an den Staat abgeben?”

Kleiner Exkurs: Warum ist der Grenzsteuersatz nicht permanent am Ansteigen?
Du siehst in der Grundtabelle so wie auch in dem hier bereitgestellten Vorschaubild, dass der Grenzsteuersatz zu “springen” scheint. Hier sieht man von oben nach unten 6 %, 14 %, 15 % und dann wieder 14 %, bevor es auf 15 % hochgeht. Das liegt nicht daran, dass Menschen, die 8.900,00 € Jahreseinkommen haben, bevorzugt behandelt werden im Vergleich zu denen, die 9.000,00 € verdienen, weil sich da ein synästhetischer Gesetzeschreiber einen Spaß gemacht hat, nein. Das hat mit Rundungsfehlern zu tun. Genauer: Es geht um die kaufmännischen Rundungsfehler des Finanzamts und natürlich die der Tabelle. In meinem Gesetzesbuch ist die Tabelle viel besser dargestellt, weil auf krumme Zahlen zurückgegriffen wird. Aber das ist Geschmackssache.
Sämtliche Zahlen, die in Zusammenhang mit der Einkommensteuer von dir, dem Elster-Programm oder dem Finanzamt ausgespuckt werden, werden mit Absicht falsch gerundet. Gibst du dein Einkommen an, rundest du ab. Gibst du Ausgaben / Werbungskosten an, rundest du auf. Das Elster-Programm will es entsprechend haben. Das Finanzamt selbst rundet die Steuer dann auf. Das bereichert die Staatskasse insgesamt um ein paar Millionen Euro, aber da du vorher “zum Vorteil des Steuerpflichtigen” bei den einzelnen Angaben gerundet hast, passt das irgendwie schon. So funktioniert kaufmännische “Mathematik”: Pi mal Daumen, so lala, blablabla.

 

Was ist der Grundfreibetrag?

Es gibt den sogenannten Grundfreibetrag.

Mein Berufsschullehrer trat vor etwa einem Jahr in ein riesiges Fettnäpfchen, als er uns Azubis erzählte, dass der Grundfreibetrag ein Existenzminimum ist, aus dem bereits alle erdenklichen Ausgaben, Pauschalen und co herausgerechnet wurden. Der Grundfreibetrag lag zu diesem Zeitpunkt bei etwa 8.500 Euro und er meinte “ich kenne keinen Menschen, der davon leben kann. Das ist also mathematisch zusammengerechneter Humbug.”

Wir, die Berufsschulklasse, brachen in Gelächter aus. Als Auszubildende zur Steuerfachangestellte hat man zu diesem Zeitpunkt in Niedersachsen 650,00 € brutto im Monat verdient. Netto also (je nach Krankenkasse) etwa 6.200,00 € im Jahr.

Diese kleine Anekdote ist nicht nur auflockernd und ein bisschen lustig, sondern zeigt dir einen wichtigen Fakt: Das zu versteuernde Einkommen ist immer in netto angegeben!

Gegenüber dem Fiskus versteuerst du niemals dein Bruttoeinkommen. Du gibst nicht umsonst an, wie viel Geld die Sozialversicherung, außergewöhnliche Belastungen, Werbungskosten & co. gefressen haben.

Logisch? Gut.

Der Grundfreibetrag beträgt für den Veranlagungszeitraum 2016 derzeit 8.652,00 €.

Das bedeutet, dass du, wenn du ein zu versteuerndes Einkommen von 8.652,00 € hast, keinen Cent Steuern zahlen musst.

Ob du ein Bruttoeinkommen von 12.000,00 € hast und 3.348,00 € als abzugsfähige Ausgaben abziehen kannst (und auf 8.652,00 € landest) oder ob du insgesamt mit Mühe und Not 8.652,00 € zusammengekratzt hast – das zu versteuernde Einkommen ist das, was dir nach der Meinung des Finanzamtes nach Abzug aller unvermeidlichen Kosten zum Leben übrig geblieben ist.

 

Noch ein kleiner Exkurs:
Wenn du im Jahr 2018 die Steuererklärung für 2017 anfertigst, wirst du 8.820,00 € verdienen dürfen, ohne einen Cent Steuern zu zahlen. Für den Veranlagungszeitraum 2018 sind 9.000,00 € Grundfreibertrag geplant. Das ist ein Zusammenspiel auf Lohnniveauentwicklung (Mindestlohn) und Inflation sowie Wirtschaftswachstum.

 

Jetzt aber: Das Missverständnis mit der Reichensteuer

 

Wenn du 8.652,00 € verdienst, zahlst du einen Steuersatz von 0,00 %. Wenn du im Jahr 2016 8.653,00 € verdient hast, liegt der Eingangssteuersatz bei 14,0 %.

Das bedeutet nicht, dass du 14 % von deinem zu versteuernden Einkommen abgeben musst: Das wären 1.211,42 €! Wie ungerecht wäre das bitte? 😉

Die Einkommensteuer berechnet sich gemäß § 32a Einkommensteuergesetz nach komplizierten mathematischen Formeln.

 

§ 32 a EStG Abs, 1:
Die tarifliche Einkommensteuer im Veranlagungszeitraum 2017 bemisst sich nach dem zu versteuernden Einkommen. 2Sie beträgt vorbehaltlich der §§ 32b, 32d, 34, 34a, 34b und 34c jeweils in Euro für zu versteuernde Einkommen
1. bis 8 820 Euro (Grundfreibetrag):
0;
2. von 8 821 Euro bis 13 769 Euro:
(1 007,27 • y + 1 400) • y;
3. von 13 770 Euro bis 54 057 Euro:
(223,76 • z + 2 397) • z + 939,57;
4. von 54 058 Euro bis 256 303 Euro:
0,42 • x – 8 475,44;
5. von 256 304 Euro an:
0,45 • x – 16 164,53.
… ist klar, oder?

Das bedeutet, dass dieser eine Euro Mehrverdienst über dem Grundfreibetrag theoretisch mit 14 % versteuert wird. Man würde also rechnerisch 0,14 € Einkommensteuer zahlen.

Der Grenzsteuersatz gibt immer an, zu welchem Prozentsatz der letzte hinzu gekommene Euro des z. v. E. versteuert wurde. Gibt jemand 15.000,00 Euro zu versteuerndes Einkommen an, so wurden die ersten 8.652 Euro unberührt. Der 8.653-ste Euro wurde mit 14 % versteuert. Der 13.669

Merke: Der 10.000-ste Euro eines Millionärs wird genau gleich versteuert wie der 10.000-ste Euro eines Angestellten!

Und der Durchschnittssteuersatz?

Ganz einfach: Dividiert man die Steuer durch das zu versteuernde Einkommen, so erhält man den durchschnittlichen Steuersatz, auch besonderer Steuersatz genannt. Für “Autoren an die Steuer” nicht weiter relevant.

Die Steuersätze sind gemäß der furchtbar komplizierten Formeln in fünf Zonen aufgeteilt. Uns interessiert bei der Besprechung der Reichensteuer die zweite Progressionszone.

Sie beginnt bei einem Einkommen ab 254.447,00 €. Netto nach den entsprechenden Abzügen natürlich!

Wer also 254.447,00 € im Jahr 2016 verdient hat, zahlt auf den 254.448-sten Euro 45 % Steuern. Davor wurde alles ganz normal versteuert.

Man kann sich also nicht zurücklehnen und sagen: “Hey, der verdient 254.448,00 Euro im Jahr! Er gibt 45 %, also 114.501,60 € ab!”

Der Steuerpflichtige gibt nur 98.474,00 € an den Staat ab. Klar, darauf wird noch Solidaritätszuschlag berechnet, den habe ich aber aus Einfachheitsgründen nicht berücksichtigt. Seine Durchschnittsbelastung liegt bei 38,70 %. Das ist, wenn wir alle Steuerpflichtigen berücksichtigen, die in Deutschland die Reichensteuer zahlen müssen, ein riesiger Unterschied.

In unserem Beispiel sind dem Staat durch einen Denkfehler also beinahe 16.027,60 € durch die Lappen gegangen.

Ob die Reichensteuer gerecht ist, wie sich das in Zukunft entwickeln wird und wie sehr das mit der Opfertheorie übereinstimmt, lasse ich dahingestellt. Mein Auftrag im Rahmen von Autoren an die Steuer ist erfüllt: Ich habe das Missverständnis mit der Reichensteuer erklärt.

kia_kahawa


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Die Artikel aus der Reihe “Autoren an der Steuer” wurden nicht von einem Steuerberater verfasst und ersetzen keine professionelle Beratung. Für individuelle Beratung suche bitte einen Steuerberater auf. Mein Ziel ist es lediglich, allgemeine Informationen auf dem Gebiet der Steuern für meine Leser bereitzustellen und insbesondere Autoren Hilfen zur Orientierung an die Hand zu geben. Alle Angaben ohne Gewähr.

Kia (*1993) produziert. Gedanken mit Menschen teilen - ob als Blog, Roman, Zeichnung, Musikstück, Sachbuch oder Hörspiel - das ist es, was am Produzieren so fasziniert.

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2 Comments
  1. […] Steuersatz der Einkommensteuer habe ich bereits im Artikel über das Missverständnis mit der Reichensteuer angerissen. Um den Progressionsvorbehalt zu erklären, muss ich diese Thematik erneut […]

  2. […] der Lohnsteuer ist letzten Endes gleichzusetzen mit der tariflichen Einkommensteuer. Hierzu habe ich bereits einen Artikel geschrieben, der dir weiterhelfen kann. Hast du einen 450-Euro-Job, so werden dir keine Abgaben von deinem […]

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