In den letzten Tagen sind Dinge passiert, die mich und meine Grundwerte auf eine Probe stellen. Im Leben eines jeden Selbstständigen kommt es vor, dass man sich darüber bewusst wird, dass Kollegen auch Konkurrenten auf dem Markt sein können – oder es tatsächlich sind.

Ich trinke also jetzt einen Tee und schmeiße mit Gedanken zu den Grenzen der Kollegialität um mich.

grenzen

Es ist, als habe der gesamte gestrige Tag unter einem düsteren Stern gestanden, was meine Gesprächsthemen anging. Es war einer dieser Tage, an denen ich non-stop telefoniert und auf anderen Wegen mit anderen Menschen, die ich als Kollegen schimpfen könnte, kommuniziert habe.

Und die Themen kamen alle aus derselben Ecke. Es ging um Konkurrenzdenken. Um Neid, um Kollegialität.

Wie ich dazu komme, mir über so etwas Gedanken zu machen?

Zwei Freunde und Mitglieder der BartBroAuthors haben ein hohes Ranking beim Contest “Autoren-Shelfie” erzielt. Höher als ich. Ich habe mich über deren Gewinne bzw. Gewinnchancen sehr gefreut, doch irgendwo war da eine kleine, dunkelgraue Stimme des Neids.

Das mag ich nicht. Neid schmeckt bitter! Ich habe mich verseuchen lassen von Gedanken wie “ohne mich hätte Manuel gar nichts von diesem Contest gewusst!” oder “das ist ein einfaches Handyfoto, meins war viel durchdachter!” und fühlte mich furchtbar, als ich Glückwünsche ausgesprochen habe.

Als ich im vereinsinternen Chat durch gutgemeinte Ratschläge über das Buchpreisbindungsgesetz mit kurzen, klaren Worten einigen Kolleginnen und Kollegen helfen wollte, gingen plötzlich Gespräche hin und her. Ich wollte die Ratschläge im Rahmen von “Autoren an die Steuer” einbringen und einen langen, erklärenden Artikel für meine Leser schreiben.

Am Abend brachte Alexander Batel einen Artikel über das Thema, das ich zusammengefasst initiiert habe, heraus.

Meine ersten Gedanken waren wieder Negative: “Ich wollte diesen Artikel schreiben” und “wieso klaust du mir mein Thema?” nagten an mir. Da war eine gewisse Eingeschnapptheit, die mir gar nicht passte, aber irgendwo da war. Als Meditationsanfängerin weiß ich, dass ich solche Gefühlswitterungen zulassen muss.

In einem Telefonat mit einem Freund der Sorte uralt (wir kennen uns seit fast zehn Jahren) haben wir über diese ganze Problematik gesprochen.

Bei klarem Verstand und ein wenig Distanz zu allem, was geschehen ist, weiß ich, wo die Grenzen der Kollegialität bestehen: Es gibt keine.

Wir Autoren und sonstige Künstler sind Schaffende, ohne die nichts geht. Während ein Baumfäller einen Baum so gut fällen kann wie ein anderer Baumfäller, also austauschbar ist, ist das bei uns unmöglich.

Niemand kann mein neues Manuskript so schreiben, wie ich es tue. Ohne mein Gehirn, meine Gedanken und meinen Stil geht nichts. Auch der Artikel über das Buchpreisbindungsgesetz wird aus meiner Feder ganz anders als der vom Alex: Ich spreche die Leser an, als seien sie ahnungslose Kinder, bei denen man immer wieder bei Null anfangen muss.

Das ist natürlich nie beleidigend gemeint, aber so hole ich jeden Leser und jede Leserin ab. Egal, wie ihr oder sein Kenntnisstand ist. (Ich hasse gendern btw, ich lasse es lieber wieder.)

In Alex’ Artikel hingegen wird anders formuliert. Der Fokus liegt auf etwas anderem. Die Informationsdarstellung ist fokussierter, als sie bei mir sein wird. Es gibt also die Daseinsberechtigung für zwei Artikel zweier Autoren.

Wenn wir uns gemeinsam stärken und gegenseitig pushen, haben wir am Ende gemeinsam den Markt in der Hand. Und mir wir meine ich mich und alle anderen Autoren und Künstler, die selbstständig vorankommen wollen.

Wir haben keine begrenzten Arbeitsplätze, weil wir nicht unter der Fuchtel eines beeinflussbaren Chefs stehen, der irgendwann aus Budget- oder anderen Gründen einen Mitarbeiter rauswerfen muss. Wir arbeiten an einem Strang und kümmern uns so individuell um Marketing, Branding, Onlinepräsenzen & co., bis jeder ganz allein stehen kann.

Also bitte, liebe Kolleginnen und Kollegen da draußen: Hört auf, mit den Ellenbogen voran zu gehen. Ich weiß, dass jeder von uns von Gedanken verpestet werden kann, wie es mir in den letzten Tagen teilweise ergangen ist.

Soll ich bei Manuels Gewinn einer Freikarte zur Leipziger Buchmesse beteiligt werden, indem ich zehn Minuten mit seiner Karte freien Eintritt habe?
Soll Alexander erwähnen, dass er den Hinweis zur Themensfindung seines Artikels aus einer Unterhaltung hat, an der ich beteiligt war?
Soll ich der Geijerskolan in Schweden eine finanzielle Beteiligung an meinem Buch über Hashimoto schicken, weil dort meine Krankheit ausgebrochen ist und ich mich seitdem mit der Krankheit und Krankheiten im Allgemeinen befasse?

Wie würde die Welt aussehen, wenn jeder jeden irgendwo erwähnen und beteiligen müsste?

Dann müsste ich alle Leute, die mich auf dem Weg zu meinem Verlagsvertrag begleiten, finanziell beteiligen. Also wirklich jeden.

Angefangen bei meinem Mädchen für alles – ääh, Coach –, der mir Autorenpitching und Exposéverfassung beigebracht und den BVjA näher gebracht hat bis hin zu den Leuten, die mir in Zeiten der Krankheit “gute Besserung” gewünscht haben, als ich das Manuskript verfasst habe.

Das ist Humbug und ich spreche mich hiermit ganz klar gegen diese dunkelgrauen Gedanken des Neids aus.

Wenn mir also heute oder in Zukunft ein kleinkarierter Ellenbogen-Kollege unterkommt, denke ich daran, wie er irgendwann in seinem verstaubten Büro sitzt und seine Gewinne zu 0,01 % an jeden Passanten, der ihm über den Weg gelaufen ist, verteilt, und lasse die dunklen Gedanken ziehen.

Lasst uns eine Familie sein.

“Kollege” ist ohnehin ein total bescheuert klingendes Wort!

kia_kahawa

Kia mit Kollegen-Tee* (Es ist tatsächlich Mate)

 

Spenden für Ellenbogenpolster:
http://patreon.com/kiakahawa


Willst du up to date bleiben?

[wysija_form id=”1″]

Manchmal buggt dieses Formular! Nutze stattdessen diese Seite: Newsletter.