In meinen jungen 23 Lebensjahren habe ich schon viel erlebt. Mein Lebenslauf ist nicht nur kurvenreich, sondern hat auch viele Tiefen und Löcher, die mir in den jeweiligen Situationen den Boden unter den Füßen weggerissen haben.

Bereuen kann ich nichts, was ich getan habe, sondern nur das, was ich nicht getan habe. Und das ist leider einiges…

Foto: Micha Feuer

Foto: Micha Feuer

Wer kennt es nicht? Das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Sei es dieser eine Abend, an dem es zwischen mir und ihm irgendwie geknistert hat. Da war dieses Lodern, diese Spannung. Und wir kamen uns näher, hatten Spaß und guten Wein. Und es geschah nichts. Hätte ich ihn aus eigener Initiative heraus geküsst, hätte sich mein Leben verändern können. Oder es hätte nichts passieren können.

Entweder bemerke ich bei diesem einen Kuss, dass wir mehr sind als nur Bekannte. Wir hätten eine Beziehung beginnen können, die zu all den klassischen Schandtaten führt: Haus, Garten, Kind, Auto, Pauschalreise.

Er hätte mich aber auch zurückstoßen können und mir damit einen Knick in meinem Selbstbewusstsein geben können. Ich wäre bei folgenden Begegnungen schüchterner. Mein Ego könnte sich verletzt haben und unsere Beziehung mit einem ekligen Ungleichgewicht gespickt werden. Der eine wäre dann der Ast, der andere der Affe, der sich an ihn klammert. Das ist immer so, wenn einer vom anderen mehr will als der andere vom einen.

Oder es wäre nichts passiert. Ein Kuss. Vielleicht mehr. Vielleicht nicht. Am nächsten Tag dann nichts. Man entwickelt sich parallel oder auseinander. Whatever.

Was mich wurmt, ist, dass ich passiv war. Warten ist ein furchtbares Gefühl und irgendwo bereue ich es, nicht diesen Schwung in meine tägliche Stimmungskurve gebracht zu haben. Andererseits bereue ich es auch wieder nicht, denn nichts zu tun war vielleicht das Richtige für diese Bekanntschaft, die inzwischen zu einer Freundschaft herangewachsen ist.

Ähnlich ist es beim Zugfahren. Ich bereue selten, in einen Zug eingestiegen zu sein. Ich bereue eher, dem Verlangen nach einer weiteren Stunde am Bahnhof und der unmittelbaren Umgebung nicht nachgegangen zu sein. Erst vor wenigen Wochen, Anfang April, da habe ich meine Bahn von Hamburg nach Hannover verpasst. Nicht, weil ich sie nicht geschafft habe. Aber ich habe darauf verzichtet, mich abzuhetzen und bin eine Stunde durch die Stadt geschlendert. Die gute Musik in der Innenstadt hat mir gut getan und im Zug angekommen saß ich dann neben einem jungen Mann, der mich inspiriert hat, ohne mich aktiv zu inspirieren. Er war einfach da. Hat sich vorgestellt, mir Internet geliehen und mir beim Bloggen zugesehen. Oder eher mitgelesen.

Wir fanden heraus, dass wir dieses und jenes gemeinsam haben und ich habe gemerkt, dass ich es nicht bereue, den Zug verpasst und den nächsten genommen zu haben.

Man kann dieses und jenes bereuen. Dass man eine Chance verpasst hat, lässt sich leichter bereuen, als dass man eine Chance genutzt hat. Ich hätte im Zug, in dem ich Maik kennengelernt habe, auch ein furchtbares Erlebnis haben können. Ohne Sitzplatz auf dem Gang stehen, nicht arbeiten können. Am besten noch unvorbereitet meine Periode bekommen, Rückenschmerzen und ein Telefon ohne Akku. Hätte ich es dann so sehr bereut wie die verpasste Chance, diesen einen Mann zu küssen?

Nein. Das ist etwas anderes.

Sobald eine aktive Entscheidung mein Handeln prägt, bin ich selbst schuld. Ich habe es gewagt. Riskiert. Bevor ich etwas bereue, stempele ich es eher als Pech ab.

Wenn ich allerdings etwas nicht in Angriff nehme, fühle ich mich unschuldig. Weil ich doch nichts getan habe. Und alles, was mit Handlungsunfähigkeit zu tun hat, bereue ich sehr schnell. Weil ich etwas hätte tun können. Wie im Beispiel mit dem Knistern zwischen zwei Menschen hätte ich die Chance gehabt, etwas zu erleben. Und die habe ich nicht genutzt. Also bereue ich.

Der Zug, den ich in Hamburg verpasst habe, ist für mich irrelevant, weil er in meinem Leben nie existiert hat. Vielleicht saß sogar er in diesem Zug? Gut, das ist unwahrscheinlich, weil ich weiß, wo er wohnt. Aber vielleicht war in diesem Zug auch eine alte, gebrechliche Frau, die gestürzt ist und sich etwas getan hat? Man hat über die Lautsprecher nach einem Arzt gefragt, der Zug könnte stehenbleiben und es hätte emotional ein sehr schlimmer Tag werden können. Das alles ist mir egal, denn ich habe einen anderen Zug genommen.

Mein Potential, etwas zu bereuen, erstreckt sich also auf Aktivität. Es geht anscheinend nur darum, ob ich handlungsfähig war oder nicht. Oder genauer: Ob ich etwas getan habe oder nicht.

Alles, was ich getan habe, und sei es noch so schlimm und fatal, hat irgendwo eine Folge. Die Folge der Folge der Folge ist dann spätestens, wenn ich das als alter Mensch betrachte, etwas Positives.

Als Oma auf meiner Veranda (am Strand natürlich) im Schaukelstuhl bei Sonnenuntergang kann ich meinen Rausschmiss aus der Ausbildung als etwas Positives betrachten. Denn wäre ich nicht gekündigt worden, hätte ich keine Reisen gemacht. Ich hätte mich nicht Hals über Kopf selbstständig gemacht. Diese ganzen Erfahrungen und Begegnungen, die damit im Zusammenhang stehen und stehen werden, würden wie der Horror-Zug mit der stürzenden Frau sein: Nicht relevant, weil nicht geschehen. Ich bin schon jetzt mit 23 Jahren der Meinung, dass Vorkommnisse wie der Tod meines Vaters oder der Rausschmiss aus der Ausbildung ihre positiven Folgen haben.

Doch als alte Frau auf der Veranda, wenn ich den Kontakt zu ihm längst verloren habe, werde ich mich immer fragen, was geschehen wäre, hätte ich den Mut gehabt, meinen Trieben nachzugehen.

kia_kahawa

Kia mit weißem Jasmin-Tee*.
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