Ein Mann ohne Erinnerungen an das schrecklichste Erlebnis seiner Kindheit. Ein Feind, der dieses Geheimnis für seine mörderischen Pläne benötigt. Ein gefährliches Spiel beginnt, wer wird es gewinnen …

beate

Der vergessene Tod

PROLOG – OKTOBER 1991

Ich hetzte durch einen schmalen Gang. An der Decke hingen Lampen, deren Licht den Weg vor mir kaum erhellten. Die Wände waren mit Moos überwuchert, sie schienen immer näher zusammenzurücken. Hinter mir hallten Schritte. Schnelle Schritte. Jemand war mir dicht auf den Fersen. Ich sah mich um, da war niemand.
Die Schmerzen in meinem Brustkorb pochten stärker. Mein Herz klopfte mit ihnen um die Wette. Ich versuchte die feuchte Luft einzuatmen, meine Lungen brannten, ich hustete. Kraftlos schleppte ich mich vorwärts, stolperte mehr, als dass ich ging. Als meine Beine mich nicht mehr tragen konnten, lehnte ich mich gegen die Wand und glitt an ihr entlang langsam zu Boden.
Eine Gestalt kam auf mich zu. Ich blickte auf den hochgewachsenen Mann. Sein Körper war in eine knöchellange, schwarze Kutte gehüllt und auf dem Kopf trug er eine Kapuze. Er sah auf mich herab, und obwohl ich sein Gesicht in dem schummrigen Licht nicht richtig sehen konnte, hatte ich den Eindruck, dass er weinte.
Er ging neben mir in die Hocke. »Was hast du getan, Junge?«, fragte er mit bebender Stimme.
Ich wusste nicht, was ich getan hatte. Mein Blick fiel auf das Messer in meiner Brust. Auch dafür hatte ich keine Erklärung. Schweigend, den Kopf voller Schmerz und Fragen, blickte ich den Mann an.
Er murmelte unverständliche Worte, die sich wie ein Gebet anhörten. Ich schnappte nach Luft, als er seine langen Finger nach mir ausstreckte und den Griff des Messers packte.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, bitte nicht!«
Mein Jammern half nichts. Mit einem kurzen Ruck riss er die Klinge aus meinem Brustkorb. Vor Schmerzen schreiend bäumte ich mich auf. Meine Hände suchten Halt am Kittel des Mannes, rutschten ab. Ich fiel auf den Rücken, mein Kopf krachte ungebremst auf harten Stein.
»Dies ist deine von den heiligen Engeln gewählte Strafe«, hörte ich die Stimme des Mannes wie aus weiter Ferne. Ich sah ihn über mir, er blickte auf mich herab. »Nun stirb in Demut.« Dann drehte er sich um und ging fort. Blut tropfte von dem Messer in seiner Hand.
Mein Brustkorb schmerzte mit jedem Atemzug, also atmete ich möglichst flach. Meine Hände tasteten nach der Wunde. Warmes Blut rann durch meine Finger. Ich fühlte mich verloren, ich fürchtete mich, und ich fragte mich, was ich getan hatte. Aber ich konnte mich nicht erinnern. Da war nur Leere in meinem Kopf. Ich lauschte, doch außer dem Rauschen in meinen Ohren, das an einen tosenden Wasserfall erinnerte, hörte ich gar nichts.
Die Lichter über mir erloschen, es wurde stockdunkel. Der Korridor begann sich zu drehen, der Boden schwankte. Unter mir tat sich ein Loch auf. Ich fiel tiefer und tiefer hinab in ein schwarzes Nichts, das mich gefangen nahm.
***
Ich weiß nicht, wie lange ich mich in diesem Zustand befand. Ich erinnere mich aber, dass ich einige Zeit später ein dumpfes Pochen hörte. Ein helles Licht legte sich über meine Augen, die ich zaghaft öffnete. Ich sah mich um. Der finstere Korridor war einem hell erleuchteten Zimmer gewichen, und ich lag nicht mehr auf dem harten Boden, sondern in einem weichen Bett mit weißer Wäsche. Der Geruch nach Desinfektionsmittel drang mir in die Nase.
Ich blickte auf meine Brust. Sie war bandagiert. In meinem Arm steckte eine Nadel mit einem Schlauch daran, der in einen Plastikbeutel führte. Neben mir stand ein Mann im weißen Kittel.
»Wo bin ich?«, fragte ich mit belegter Stimme und räusperte mich. »Wer sind Sie?«
Der Mann setzte sich auf die Bettkante. »Mach dir keine Sorgen. Du bist in Sicherheit. Ich bin Arzt.« Er lächelte. »Weißt du, was mit dir passiert ist? Wer hat dir das angetan?«
Ich grübelte und berichtete über das Wenige, das mir einfiel. »Da war dieses Messer … in meiner Brust, … ein dunkler Raum. Ein Mann.« Ansonsten herrschte in meinem Kopf nur ein dunkles Nichts. »Ich kann mich nicht erinnern. An gar nichts.« Tränen stiegen in mir auf, ich zitterte am ganzen Körper.
»Auch nicht daran, wie du heißt?«, fragte der Arzt.
Ich starrte ihn eine Weile an. Ein Name kam mir in den Sinn, der mir vertraut erschien, und ich sagte: »Nicolas.« 

… 21 JAHRE SPÄTER …

KAPITEL EINS

Ich blickte durch den Sucher meiner Kamera auf die junge Blondine, die sich splitternackt auf dem roten Laken ihres Bettes rekelte. »Komm schon, zeig mir alles«, heizte ich sie an. »Wow! Großartig.«
In meinem Unterleib breitete sich ein wohliges Kribbeln aus, und während mein Finger schon beinahe automatisch den Auslöser betätigte, stellte ich mir vor, wie es sich anfühlen würde, diese Schönheit zu berühren, sie zu küssen, sie zu …
»Sind Sie bald fertig?«, unterbrach eine männliche Stimme meine Träumereien und holte mich zurück auf den Boden der Tatsachen.
»Nur, wenn Sie mich in Ruhe meine Arbeit machen lassen.« Ich blickte den Mann neben mir an. Er war nicht ganz so groß wie ich, etwa einen halben Kopf kleiner. Und er war alt. Viel zu alt für diese junge Schönheit mit ihren perfekten Rundungen.
»Sie sind jetzt fertig«, sagte er zu mir und wandte sich lüstern grinsend an die junge Schönheit. »Liebes. Bleib einfach so, bis ich wieder da bin. Ich bringe nur schnell unseren Gast nach unten.«
»Beeil dich«, erwiderte sie lächelnd, zwinkerte mir zu und zog die Bettdecke über ihren Körper.
Ich unterdrückte ein Seufzen, verstaute meine Kamera und das Stativ in meiner Tasche und folgte meinem Kunden die Treppe hinunter ins Foyer der Villa. Solange er mein Honorar abzählte, betrachtete ich die Drucke von Dali, Picasso und Dix, die zahlreich an den Wänden hingen. Die mussten ein Vermögen wert sein. Ich war beeindruckt.
»Sechshundert Euro?«, fragte mein Kunde, als er mir mit einem Bündel Fünfziger in der Hand entgegentrat. »Ich hoffe, die Fotos sind ihr Geld wert.«
»Aktfotografie hat ihren Preis. Genau wie ich.« Grinsend nahm ich die Scheine entgegen und steckte sie zu meiner Nikon in die Kameratasche.
»Ich verlasse mich darauf, dass außer Ihnen und uns niemand diese Fotos zu sehen bekommt«, fügte der Mann hinzu. »Ich hätte Sie nicht ausgewählt, wären Sie mir nicht wegen Ihrer Diskretion und ihres besonderen Talents empfohlen worden.«
»Selbstverständlich behandle ich alle meine Aufträge diskret. Diese speziellen Hausbesuche sowieso. Wie ausgemacht bekommen Sie alle Abzüge und die Speicherkarte.« Wir schüttelten zum Abschied die Hände.
Nachdem ich das Haus verlassen hatte, ließ ich von der gekiesten Auffahrt aus meinen Blick über die hell erleuchtete Kulisse Stuttgarts schweifen. Der Abend war spät und am wolkenlosen, nächtlichen Himmel glitzerten unendlich viele Sterne. Eine kühle Brise strich über mein Gesicht. Ich klappte den Kragen meiner Jacke hoch und machte mich auf den Weg zu meinem Auto.
Zufrieden mit dem überaus erfolgreichen Abend setzte ich mich hinters Lenkrad meines in die Jahre gekommen Volvo. Schon seit Wochen spielte ich mit dem Gedanken, mir endlich einen neuen Wagen zuzulegen. Doch immer wieder kam etwas dazwischen, und irgendwie hing ich auch an dieser alten Karre.
Ich wollte gerade den Motor anlassen, als mein Handy klingelte. Ohne aufs Display zu schauen, meldete ich mich. »Nick Holsten.«
»Ich hörte, Sie übernehmen gerne außergewöhnliche Aufträge«, sagte eine männliche Stimme.
Ein außergewöhnlicher Auftrag? Das klang verlockend. »Schon möglich. Worum geht’s?«
»Ein Fotoshooting. Es wird sich für Sie lohnen.«
»Ein Fotoshooting?« Da brauchte ich nicht lange nachzudenken. »Wann und wo?«
»Um Mitternacht«, sagte die Stimme. »Kelterstraße 52.«
»In Ordnung, ich werde da sein«, sagte ich und beendete das Gespräch.

Mehr zu B. M. Ackermann

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Website: bmackermann-thriller
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