Eine Schriftstellerin ohne Ideen. Eine verschlossene Tür ohne Schlüssel. Eine beste Freundin ohne Gnade.

tanja

Zwietracht – Mörderische Freundschaft

»Ich werde es Ihnen zeigen, Frau Ziepener! Mein Geschichtenvorrat ist längst nicht erschöpft«, murmelte Lina und streckte ihren Rücken gerade durch. Das Bild ihrer Agentin schüttelte sie sich mit fliegenden Haaren aus dem Kopf.
Um sich an ihre brillante Formulierung für den ersten Satz zum Einstieg zu erinnern, legte Lina das Kinn in die Handfläche ihres mit dem Ellenbogen auf der Tischplatte abgestützten Armes. Sie wusste nicht, worüber sie schreiben sollte. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie keinen Schimmer, was das Thema ihres Romans werden würde. Wie konnte sie dann wissen, ob der erste Satz passte? Die knochigen Finger der Schreibblockade griffen wieder nach ihr. Zerrten an ihrer Kleidung, kratzten über ihre Haut. »Nein. Einfach schreiben. Später verbessern!«, mahnte sich Lina, entschlossen, etwas zu Papier zu bringen und damit den Bann zu brechen. Beim Grübeln neigte sie ihren Kopf ein wenig nach rechts, schaute aus dem Fenster in den Wald hinein. Der mögliche Einstiegssatz hallte in ihrem Kopf nach, aber sie traute sich nicht, die Tasten der Schreibmaschine anzuschlagen.
In ihrem Augenwinkel erschien die verschlossene Tür. Diese drängte sich in Linas Gedanken, vertrieb jegliche Idee für ihre Geschichte. Kribbelnde Neugier erfüllte sie plötzlich. »Entdeckergeist«, hatte das ihre Mutter früher immer liebevoll genannt. Aufstehen und zur Tür gehen oder endlich schreiben? Aufstehen? Schreiben?
Für Lina war die Entscheidung längst gefallen. Ein bisschen tat ihr das Herz deswegen weh. Sie stand auf, lief durch das Wohnzimmer und blieb vor der geheimnisvollen Tür stehen. Es war eine einfache Holztür mit rustikaler Optik und einer schlichten Metallklinke. Das Äußere würde kaum die innersten Geheimnisse preisgeben. Nichts verriet, ob dahinter nur ein Regal verborgen war, ob ein kleiner begehbarer Schrank oder gar ein ganzer Raum dahinterlag.
Manche Geheimnisse sollte man bei allem Wissensdurst dennoch schlummern lassen, hatte Lina erneut die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf.
Nicht jedoch dieses. Sie musste schließlich wissen, was sich so nah bei ihr befand. Wenn sie beim Schreiben ganz in einer anderen Welt versank, schier alle Verbindungen zur Realität löste, dann musste sie wissen, was nur so wenige Meter entfernt auf ihre Rückkehr wartete.
Mit dem ausgestreckten Finger ihrer rechten Hand fuhr sie einmal sacht über das Holz der Tür. Kühl, ein wenig uneben, rau, nichts Besonderes. Lina lehnte ihre Stirn gegen die Tür, als könne diese Verbindung ihr einen Blick in die fremde Welt dahinter gewähren. Doch noch immer hatte sie keine Ahnung, was sich dahinter verbarg.
Sie presste die Augen fester zusammen und stellte sich vor, was sie hinter einer solchen Tür aufbewahren würde, wäre sie die Vermieterin. Zuerst erschienen ihr Putzutensilien wahrscheinlich, aber damit die Mieter auch selbst ihre Sauereien wegwischen konnten, würde man diese zugänglich aufbewahren. Also wohl kein Wischmopp, außer, er wartete dort auf die nächste Putzaktion durch eine Reinigungskraft. Lina gab nicht auf, sie grübelte weiter. Möglicherweise verbarg die Tür nur ein paar persönliche Gegenstände der Vermieterin, falls sie selbst zur Hütte kam, um ein paar Tage auszuspannen. Wäre es da nicht toll, einige Kleidungsstücke griffbereit zu haben und ohne viel Gepäck ganz spontan anreisen zu können? Lina konnte auch das nicht ausschließen. Ganz sanft stieß sie mit der Stirn gegen die Tür. Erst ein-, dann zwei-, schließlich dreimal. Obwohl sie zunächst sachlich hatte darüber nachdenken wollen, was sich mit ihr in der Hütte befand, konnte sie es nicht verhindern, dass sich ihr Horrorautorinnen-Ich einschaltete und über die grausigsten Möglichkeiten nachsann. Eine Reihe Köpfe als Trophäen grausiger Morde könnten sich wenige Zentimeter vor ihr befinden. Ihren eigenen Einwand, dass diese stinken und verwesen würden, konterte sie mit dem Stichwort Mumifizierung oder der Idee, dass es sich um Schrumpfköpfe handelte. Einen raschen Blick auf den Boden erlaubte sie sich. Das Holz war sauber, keine Blutspuren waren mit dem bloßen Auge erkennbar. Ihr fiel ein, dass die Köpfe auch in großen Einmachgläsern schwimmen könnten, manche würden ihren Mund wie Fische öffnen, um nach Luft zu schnappen, die ihnen für alle Ewigkeit verwehrt bleiben würde.
Ich sollte es gut sein lassen und endlich schreiben, sagte sie sich. Lina drehte sich um und stieß sich mit Rücken und Hintern von der Tür ab, aber nach einem Schritt blieb sie stehen und wandte sich erneut der Tür zu. Sie war noch immer nah genug, um nur ihren Arm ausstrecken zu müssen, damit sie die Tür wieder berühren konnte.
Sanft legte sie ihre Hand auf den Türgriff. Ihre Finger schlossen sich fester darum, drückten zu. Bald klammerte sie sich mit ihrer Rechten an der Klinke fest, als hinge sie über einem Abgrund und die Klinke böte ihr den einzigen Halt. Lina fischte mit ihrer freien Hand den Hüttenschlüssel aus der Hosentasche, um zu versuchen, ob er nicht doch irgendwie ins Schloss passte. Ihr gefielen diese antiquierten Eisenschlösser an allen Türen der Hütte. Bei einem modernen Haus wäre an eine solche Art, sein Zuhause abschließen zu können, nicht mehr zu denken, aber für eine Hütte im Wald erschien es Lina perfekt. Ein solches schlichtes Buntbartschloss, das sie sonst nur von Türschlössern innerhalb eines Hauses oder einer Wohnung kannte, verschloss auch die Haustür der Hütte.
Der Schlüssel, der die Haustür auf- und zuschloss, war schlichtweg zu groß. Damit hatte sie keine Chance, etwas zu erreichen. Frustriert rüttelte sie am Türgriff. Sie fragte sich: Kann eine Tür schadenfroh sein? Denn wenn es eine Tür gab, die es vermochte, dann war es diese. Die Tür erschien amüsiert über Linas kläglichen Versuch und hielt, wie um sie zu verspotten, ihre Pforte zur Geheimwelt, die sie verbarg, umso dichter verschlossen.
Ruckartig ließ Lina die Türklinke los, als würde sie an ihr festwachsen, sollte sie es nur eine Nanosekunde länger wagen, das Metall zu berühren. Schritt für Schritt wich sie zurück, ohne sich abzuwenden.
Was mache ich hier eigentlich für ein Drama? Das ist völlig absurd! Oder?

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Foto: D.Pfingstmann

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