Schuss ins Herz – #24Autoren mit Lydia Jablonski

Robin trifft Nathan, den Star, dem alle Frauen nachlaufen, rein beruflich. Sie hat nicht mit seinem Charme gerechnet.

lydia

Schuss ins Herz

Robin wartet vor dem Starbucks in der Boylston Street auf Nathan. Sie trägt enge Jeans, ein neckisches Shirt mit weitem Ausschnitt und die grünen Ballarinas. Außerdem trägt sie Nathans Lederjacke, die sie ihm noch nicht zurückgegeben hat. Ihr Make-Up ist dezent aber wirkungsvoll. Sie hat sich einen Tropfen ihres Lieblingsparfüms hinter die Ohren getröpfelt und fühlt sich allen Eventualitäten gewachsen.
Nathan ist pünktlich. Er hat sich in Schale geworfen und trägt einen Anzug. Robin fühlt sich total unpassend angezogen. Wenn sie das gewusst hätte, hätte sie zum Abendkleid gegriffen. Doch jetzt ist es zu spät.
Beide grinsen von einem Ohr zum Nächsten, als sie sich erspähen. Sie fallen sich in die Arme und küssen sich leidenschaftlich. Keinen von beiden stört es, dass sie mitten auf dem Gehweg stehen und alle Leute um sie herumlaufen müssen.
Widerwillig lösen sie die Verbindung schließlich doch.
“Wir stehen im Weg”, merkt Robin überflüssigerweise an, nachdem sie von einer wütend guckenden Frau angerempelt wurde.
“Dann lass uns gehen”, erwidert er und bietet seinen Arm an. Sie hakt sich ein und gemeinsam schlendern beide in Richtung Boston Common. Es ist ein lauer Abend, die Temperaturen sind spätsommerlich und es weht ein leichter Wind. Nicht eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Der Boston Common ist ein zentraler Park mitten in der Stadt und bei diesem Wetter sind noch viele Menschen unterwegs. Sie schlendern verliebt über die Wege. Kinder spielen Baseball und Basketball auf den angelegten Plätzen. Verstreut stehen Grüppchen von Leuten zusammen und reden. Sie sitzen auf den Bänken und den Grünflächen und genießen das Leben.
Robin und Nathan zieht es automatisch ans Wasser. Der kleine See im Public Garden ist berühmt für seine Schwantretboote und wie alle frisch Verliebten wollen sie auch damit fahren. Als sie jedoch den Andrang sehen, der vor der Kasse auf das nächste Boot wartet, überlegen sie es sich anders.
“Da bin ich nun in dieser Stadt geboren und großgeworden – aber mit den Schwänen fahre ich wohl nie”, murmelt Robin. Nathan sieht sie kurz an und fragt:
“Wir können auch warten, wenn du das gern möchtest.”
“Nein. So dringend ist es auch nicht.”
“Wie du möchtest”, sagt er und nimmt ihre Hand. “Was möchtest du denn gern tun?”
“Ich dachte, du hast etwas in petto?”, fragt sie erstaunt und mustert erneut sein viel zu feines Outfit.
“Nicht wirklich”, gibt er zu. “Ich hatte nur das Gefühl, mich schick machen zu müssen.”
“Na toll”, murrt sie ein wenig. “Vielleicht hätten wir das absprechen sollen. Ich fühle mich total daneben.”
“Sorry”, murmelt er zerknirscht.
“Egal”, seufzt sie. “Aber das hilft uns nicht weiter. Was machen wir denn jetzt mit diesem wunderschönen Abend?”
“Mir würde da etwas einfallen”, grinst er und sein Tonfall klingt verschwörerisch.
“Ach ja?”, gibt sie kokett zurück.
“Warum zeigst du mir nicht, wo du wohnst?”, fragt er scheinbar harmlos.
“Geht nicht.”
“Warum nicht?”
“Weil Klaus auf meiner Couch seinen Liebeskummerrausch ausschläft.”
“Oh. Das verkompliziert die Planung ein wenig.”
Sie zuckt mit den Schultern.
“Ich könnte jetzt sagen: Lass uns ein Hotelzimmer suchen. Aber ich bin ja eine anständige Frau und schlage solche Dinge nicht vor.” Das Glitzern in ihren Augen verrät ihre Lüge und auch wenn sie versucht, möglichst seriös zu wirken, zucken ihre Mundwinkel. Er grinst prompt.
“Das ist aber ärgerlich. Ich wollte gerade auf die dunkle Seite der Macht wechseln.”
“So ein Pech.”
“Ja, in der Tat. Hm. Ach, wer muss schon anständig sein? Madame, darf ich sie bitten, mir zu folgen? Ich entführe sie jetzt.”
“Oh”, erwidert sie und versucht, keinen Lachanfall zu bekommen. “Eine Entführung mit Ankündigung. Wie praktisch.”
“Nun leisten sie bitte keinen Widerstand”, sagt er streng und sein Arm legt sich wie von allein um ihre Taille.
“Aber wie könnte ich? Gegen so viel männliche Stärke habe ich keine Chance!” Sie lässt sich von ihm mitziehen. Nur ein paar Schritte vom nördlichen Ausgang des Parks steht ein weißer Hummer. Nathan greift in seine Hosentasche und das Auto piept, während es die Türen entriegelt. Ganz Gentleman öffnet er ihr die Beifahrertür und lässt sie einsteigen, ehe er um sich selbst hinter das Lenkrad setzt. Automatisch schnallt Robin sich an und Nathan tut es ihr gleich.
“Was für ein Auto”, schwärmt sie und versinkt beinahe im cremeweißen Ledersitz.
“Leider ein Auslaufmodell”, bemerkt er während er den Motor anlässt. Ein Röhren tönt durch die Luft und Robin spürt die Vibration unter sich. Sie liebt große Autos, starke Motoren, und das Gefühl, den Asphalt ziemlich weit unter sich zu haben. Leider hasst sie Parkplatzsuche und mit einem Gefährt wie diesem muss man besonders in der Großstadt wissen, wo man stehen kann. Oder genug Geld haben, um die horrenden Gebühren zu bezahlen.
“Stimmt, ich habe davon gelesen, dass Hummer nicht mehr produziert”, antwortet sie und zieht die Stirn kraus, während ihre Hand zärtlich über das Leder des Sitzes streicht. Nathan bemerkt das aus dem Augenwinkel.
“Magst du Leder?”
“Ich liebe es”, gibt sie zu und lächelt, während sie sich enger in seine Lederjacke einkuschelt, die sie noch immer trägt.
“Na dann”, grinst er verschmitzt. “Ich hatte die Jacke sowieso schon abgeschrieben.”
“Nein”, protestiert sie halbherzig. “Das ist deine.”
“Jetzt nicht mehr.”
Sie lacht und bedankt sich. Ihm ist warm ums Herz, als er sieht, dass er ihr eine Freude gemacht hat. Ein paar Straßen weiter sucht Nathan eine Parklücke und hält den Wagen an.

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