Grau ist das neue Grün!

Heute möchte ich mal, nachdem ich in den letzten Wochen ganz schön für den Blog Show, don’t tell rangeklotzt und branchenrelevante Themen aufgearbeitet habe, über eine persönliche Vorliebe schreiben. Es geht – nicht lachen – um alte Menschen. Angefangen hat das mit meinen Lieblingen Grace, Frankie, Sol und Robert aus der Serie “Grace and Frankie”. Aber auch Ben aus dem Spielfilm “Man lernt nie aus” ist innerhalb weniger Minuten in mein Herz eingedrungen.

Bevor ich aber meine persönlichen Gedanken ausbreiten möchte, will ich euch kurz die Serien und Filme pitchen (natürlich ohne gravierende Spoiler!).

 

Worum geht’s in den Serien?

In Grace & Frankie geht es um zwei Ehepaare. Grace ist mit Robert verheiratet, Frankie mit Sol. Zu Beginn der Serie – Folge 1 heißt auf Deutsch “das Ende” – bekennen sich Robert und Sol zu ihrer schwulen Liebe, die sie seit 20 Jahren während ihrer 40-jährigen Ehen geheimgehalten haben. Die Serie geht im Folgenden insofern weiter, als dass Grace zu Frankie zieht und Sol zu Robert. Die Schwulen wollen heiraten und die beiden Exfrauen gründen gemeinsam eine Alten-WG incl. eigenem Unternehmen.

Der Film “Man lernt nie aus” beginnt mit einem Seniorenpraktikum in einer angesagten, modernen Firma. Die Chefin ist jung, der Praktikant ist 70. Man fragt sich, warum Senioren ein Praktikum machen und stolpert im Vorstellungsgespräch über Fragen wie “wo sehen Sie sich in zehn Jahren?”. Die Antwort auf die erste Frage ist einfach: Es geht um Erfahrungen und darum, gebraucht zu werden. Doch die Chefin ist ach-so-ultra-wichtig, hat nur zwischen 15:55 und 16:00 Zeit für das Kennenlernen ihres Seniorenpraktikanten und letzten Endes befindet sich der erfahrene Rentner in der typischen Situation des Prestige-Praktikanten: Er hat nichts zu tun…

 

Gebraucht werden

SANFTE SPOILER ENTHALTEN

Egal, ob man 70 Jahre alt, darüber oder darunter ist: Es zählt, wie alt man sich fühlt. Den Spruch kennt wohl jeder von uns und ich muss sagen, ich würde mich mit 70 wohlfühlen. Ob das an den Schauspielern liegt, die gefühlt jünger sind und nahezu ohne Gebrechen ihr fiktives Leben auf der Leinwand meistern oder daran, dass mir der Gedanke gefällt, lasse ich dahingestellt.

Jeder von uns will gebraucht werden. Das ist in jungen Jahren einfacher als in älteren Semestern. Andere in meinem Alter gründen Familien, gehen erste große Schritte in ihren Beziehungen oder finden sich selbst unter Zuspruch der Freunde. Doch was, wenn die Familie ausgeschwärmt und selbstständig ist, Freunde verstorben oder ans andere Ende der Welt gezogen und die eigenen Eltern längst zu Staub zerfallen sind?

Dann will man umso mehr gebraucht werden. Ich finde die Idee von Seniorenpraktika, bei denen es um die Erfahrung geht, grandios. Auch die Szene aus “Grace and Frankie”, in der Sol sich in den Ruhestand begibt und bitterlich über diese Entscheidung entrüstet ist, rührender als jeden Teenie-Tod oder Trennungen in Dramen.

Der Gedanke, sich zur Ruhe zu setzen und seinen Job nicht mehr weiterzumachen, tut mir weh, auch wenn ich dafür noch locker 50 Jahre vor mir habe. Oder 60. Je nach dem, wie lange ich meine Finger bewegen und mein Gehirn lückenlos nutzen kann. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, das Leben eines Hobby-Rentners zu fühlen.

 

Bin ich wie ein 70-Jähriger?

Klar, ich bin selbstständig. Aber die Rentner aus den genannten Serien und Filmen sind das auch irgendwie. Ob sie Unternehmen gründen wie Grace und Frankie, noch immer in der Kanzlei freiwillig arbeiten wie Sol oder Musicaldarsteller werden wie Robert, oder ein Seniorenpraktikant werden wie Ben aus “Man lernt nie aus” – diese alten Leute haben etwas zu tun und suchen dabei ihr Glück.

Nichts anderes tue ich – mit dem Unterschied, dass ich keine Rente mehr kriege, weil ich a) zu jung für Altersrente und b) zu alt für Waisenrente bin. Dazu kommt, dass Punkt a) bei mir rausfällt, da ich niemals Altersrente erhalten werde. Ich zahle nämlich nicht ein. Darf ich mich also de facto auf einer Stufe mit meinen 70-jährigen Idolen der Sinnfindung sehen?

Nein, wohl kaum. Denn der Unterschied ist die Erfahrung. Die Figuren, die mich in Film und Serie derzeit so begeistern, haben ihre Leben gelebt, Familien gegründet und Erfahrungen gesammelt, mit denen ich mich als 24-jährige noch lange, lange nicht messen kann.

 

Was ich gelernt habe und dir mit auf den Weg geben möchte

Trotzdem gefällt mir der Gedanke daran sehr, dass ich jetzt schon das im Leben suche, was die genannten Charaktere erst mit 70 beginnen. Ich empfinde tiefes Glück darüber, dass ich schon jetzt diesen Weg gehen kann und nicht erst ein Pflichtleben mit Brotjob hinter mich bringen muss. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

Gleichzeitig bin ich unendlich erleichtert und habe viel weniger Angst davor, alt zu sein. Falls ich jemals 70 werden sollte (das ist laut Familienstatistik sehr unwahrscheinlich), werde ich keine Angst davor haben, 71 zu werden. Oder 72.

Ich habe kein unklares Bild mehr vom Alter, das irgendwas mit Beschäftigung während des Wartens auf den Tod zu tun hat, sondern freue mich auf ein erfülltes Leben bis zum Schluss. Und wenn ich für meine Selbstverwirklichung noch bis zu 50 Jahre leben darf, habe ich wirklich alles im Leben gewonnen.

 

Erzähl’ mir in den Kommentaren, ob du ähnlich oder vielleicht ganz anders empfindest! Wie sieht es bei dir aus? Hast du Angst vorm Altern? Was willst du machen, wenn du 70 bist?

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kia_kahawa

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