Heute reden wir darüber, wie man kreatives Schreiben erlernt

Wir, das sind Alexander Greiner, Lily Magdalen, Liv Modes und ich, Kia Kahawa.

Wir sprechen über Tipps für Jungautor*innen, die 2021 ihr erstes eigenes Buch schreiben wollen. Wir reden aber auch darüber, wie wir uns laufend im Schreiben verbessern, und darüber, wo und wie wir kreatives Schreiben erlernt, erprobt und schließlich so weit entwickelt haben, dass wir unsere eigenen Bücher veröffentlichen konnten.

Das Winterferien-Programm

Seit April 2020 gibt es jeden Freitag eine Autorenleben-Podcastfolge. Ab 2021 verändert sich das Podcast-Konzept, und ich werde ihn unter dem Namen Auto(r)preneur überall dort veröffentlichen, wo es Podcasts gibt. In den Monaten Juli und Dezember allerdings pausiere ich meinen eigenen Podcast und lasse andere Autor*innen zu verschiedenen Themen zu Wort kommen.

Vom 01. Dezember bis zum 02. Januar wirst du 8 Podcasts hören, an denen insgesamt 10 Autor*innen mitgewirkt haben. Sei dabei und höre kostenlos die Folgen, die du möchtest (oder gerne alle!), oder unterstütze dieses Projekt zusätzlich mit einem monatlichen Betrag auf meiner Patreon-Seite: www.patreon.com/kiakahawa . Wenn du heute mit zwei Euro pro Monat einsteigst, zahlst du pro Podcast im Winterferien-Programm eine Unterstützung von etwa 25 Cent. Das klingt enorm wenig, kann uns aber helfen, dieses Programm zwei Mal jährlich mit immer neuen Autorinnen und Autoren zu veröffentlichen.

 

Transkript des Podcasts

Kia Kahawa Als erstes würde ich gerne mit meinem ersten Gast, Alexander Greiner, ein bisschen darüber sprechen, wie das denn so ist, so das erste eigene Buch zu schreiben. Lieber Alex, wenn jetzt jemand zu dir kommt und sagt: Hey, ich will mein erstes Buch schreiben, so 2021 komplett, so als Ziel. Was wäre so das, was du zu sagen hättest?

Alexander Greiner Wenn mir Menschen sagen, dass sie auch ein Buch schreiben möchten, dann sage ich ihnen: Mach’ es! Warum zögerst du? Was musst du ändern, damit du es endlich tust? Und welchen Rahmen musst du dir schaffen, um damit zu beginnen?

Kia Kahawa Okay. Dankeschön. Weise Worte. Wie war das denn bei dir, als du überhaupt angefangen hast, dann wirklich deine Texte zu einem Buch zu schreiben? Wie begann das bei dir?

Alexander Greiner Ich hatte schon viele Jahre die Idee, ein Buch zu schreiben, aber ich habe mich nie wirklich darum gekümmert. Und dann, als das Buch in greifbarer Nähe war, dann ist es mehr oder weniger von selbst gegangen. Warum? Weil ich davor schon ganz viele Texte gesammelt habe, die ich nicht aus dem Impuls heraus geschrieben habe, sie in einem Buch zu verwenden. Sondern damals ging es mir nur um das Schreiben selbst.

Kia Kahawa Und gibt es etwas, das du als Anfänger selbst gerne von anderen gehört hättest?

Alexander Greiner Was ich als Anfänger gern gehört hätte? Stellst dich nicht an. Schreib einfach. Zögere nicht und zweifle nicht zu viel. Und hol dir am Anfang nicht zu viel Feedback. Naja, und scheiß dich nicht an: Aufgeschrieben ist noch nicht veröffentlicht.

Kia Kahawa Okay. Aufgeschrieben ist noch nicht veröffentlicht. Einfach schreiben und nicht zu viel Feedback einholen. Das halte ich für echt gute Tipps. Ich habe, als ich angefangen habe zu schreiben, sehr sehr darauf geachtet, dass das, was ich schreibe, irgendwie Genialität ist, die vom Himmel fällt. Also das war so meine Erwartungshaltung an mich selbst. Und am Ende kam da dann auch nicht das raus, was ich gerne da gesehen hätte. Und dann dachte ich gleich: Oh Mensch, mein Talent ist verloren gegangen und ich kann niemals so schreiben. Also ich muss sagen, ich habe angefangen, da wusste ich ehrlich gesagt noch gar nicht, dass es ein Lektorat gibt. Ich dachte, ich nehme mir ein Buch aus dem Schrank von Rowohlt, das war da gerade mein bevorzugter Verlag, ich blättere das Buch auf, ich lese, ich glaube, Hans Rath hatte ich damals gelesen. Und dann dachte ich, wenn ich ein Buch schreibe, dann muss es vom ersten bis zum letzten Wort in der ersten Rohfassung, die dann ja auch gedruckt wird – Spoiler: Nein, wird sie nicht – ja, das muss dann genau so sein. Also ich ging davon aus, ich muss mich hinsetzen und von Anfang bis Ende ein Buch schreiben. Nicht ein Manuskript, nicht eine Version, keinen Entwurf, keine Rohfassung, ein Buch. Einfach so, wie man es dann liest. Ich würde diese Frage jetzt einfach ganz gerne mal weitergeben an Lily Magdalen. Wie sieht es bei dir aus? Stell dir mal vor, du wärst wieder Anfängerin und was hättest du da gerne gehört?

Lily Magdalen Ja, was hätte ich als Anfängerin gerne für Schreibtipps gehört? Kann ich gar nicht so genau beantworten, weil ich muss die Sache andersherum angehen bzw. für meinen Roman, den ich jetzt dieses Jahr veröffentliche, andersherum angehen. Als ich den angefangen habe zu schreiben, im NaNoWirMo 2017, da hatte ich schon unzählige Schreibtipps gelesen, gehört. Ich hatte mich ja ausgetauscht, war jahrelang wirklich auch Mitglied in der Schreibnacht und war auch super aktiv schon immer in der Bubble. Insofern, ja, meine Pinterest Pinnwand zum Thema Schreibtipps, die platzt aus allen Nähten und die platzte auch schon damals aus allen Nähten. Und vielleicht wäre das jetzt genau das, was ich auch hier als Tipp mitgeben möchte, dass ja, also ich finde das Wichtigste, wenn man sich vorgenommen hat, jetzt ein Buch zu schreiben, dann hat man ja diesen Drang, dann will man das machen. Man setzt sich hin, fängt an. Ich finde, das Wichtigste ist dranbleiben, tatsächlich. Dranbleiben kann für jeden ganz anders aussehen. Ganz unterschiedlich. Das kann sein, du setzt dich wirklich jeden Tag dran, schreibst eine bestimmte Wortzahl. Das kann sein, du nimmst dir immer am Wochenende Zeit dafür. Das kann auch sein, dass du das ganz unstrukturiert in dem Sinne angehst und dich immer dann dransetzt, wenn du grad ein Zeitfenster findest. Ganz egal, was es davon ist – weitermachen. Wenn man steckenbleibt – weitermachen. Wenn es schwierig ist – weitermachen. Dranbleiben. Dranbleiben. Und ja, wenn man in so einer Phase drin ist, wo man steckengeblieben ist, dann hört sich dranbleiben ganz furchtbar an. Weil wie? Wie soll man dranbleiben? In so einem Moment weiß man es gar nicht. Ja, die einen schaffen sich Rituale, können nur mit Kerzen und dem Lieblingstee schreiben. Die anderen setzen sich im ICE auf dem Boden und tippen irgendwie ein paar Wörter ins Handy. Das ist alles total richtig und in Ordnung. Deswegen, um nochmal quasi auf meinen Anfang zurückzukommen, ich finde es wichtig, klar, sich Schreibtipps durchzulesen und auch zu suchen, sich auch ein bisschen Handwerkszeug anzulesen, aber sich davon nicht verunsichern zu lassen. Viele Schreibtipps, denen man begegnet, die werden einem so als die absolute Wahrheit verkauft. Oder, wenn das nicht der Fall ist, scheinen zumindest so. Gerade wenn man anfängt, das erste Buch schreibt oder so, dann denkt man sich: Oh Gott, ich muss das auf jeden Fall so machen, sonst ist das falsch. Und da würde ich gerne einfach ermutigen: Findet was, was für euch funktioniert. Wo ihr euch wohl mit fühlt. Und wenn ihr das gefunden habt, dann einfach dabei bleiben, auch wenn halb Twitter es anders macht. Deswegen, genau. Für mich gehörte dazu übrigens, zu diesen Momenten, die mir geholfen haben dranzubleiben und was auch für mich funktioniert hat, wenn ich steckengeblieben bin und ich wusste: Okay, ich muss jetzt, ich muss jetzt von hier nach da oder eigentlich kommt jetzt die Szene, aber ich schreibe die/. Es fällt gerade so schwer. Dann habe ich mir a) die Erlaubnis gegeben, einfach irgendwas zu schreiben. So, das muss jetzt nicht gut werden. Schreib jetzt irgendwas hin. Und, eckige Klammer auf, hat mir einfach im ganzen Schreibprozess so unglaublich viel geholfen. Eckige Klammer auf, in deinen eigenen Worten reinschreiben, was da jetzt hin soll, so quasi, wie wenn du es jetzt per Sprachnachricht einer Freundin erzählst, eckige Klammer zu und dann mit der Szene weitermachen, wo es wieder flutscht. Das hat mir richtig gut geholfen. Und dann am Ende gab es natürlich Lücken zu füllen, aber das, ja genau. Aber in dem Sinne, wenn jetzt jemand sich den Tipp anhört und sich denkt, okay, eckige Klammer auf, damit kann ich gar nichts anfangen. Fallen lassen. Bloß, weil Lily Magdalen das in dem Podcast gesagt hat, muss das nicht stimmen. Findet was, was für euch selber funktioniert. Und genau. Und dann viel Spaß. Ist eine tolle Sache, das erste Buch schreiben.

Kia Kahawa Ah, das ist schon ein bisschen hart. Also dieses Dranbleiben. Ich weiß sehr, sehr gut, wovon du sprichst und wie wichtig das ist. Und ich habe auch gelernt, dass, wenn man eine Schreibblockade hat, dass man dann weiterschreiben soll. Und auch, dass man, wenn man eine Schreibblockade vermeiden möchte, dass man dann in einer Schreibsession aufhören soll, wenn’s am besten läuft. Wenn ich weiß, wie es weitergeht. Und das fällt mir immer richtig schwer. Also auf beiden Seiten fällt es mir super schwer. Denn einerseits, wenn ich weiß, wie es weitergeht und ich bin total im Buch drin und ich lebe in der Szene, dann will und kann ich nicht aufhören. Und bei einer Schreibblockade, auch wie du sagst, dieses “dann schreib halt irgendwas und erlaubt dir das da auch quasi mal Mist zu schreiben”, das fällt mir super schwer, denn ich hasse Überarbeiten. Wer mir schon mal bei Twitter über den Weg gelaufen ist, als ich überarbeitet habe, hat gemerkt, dass ich überarbeiten wirklich, wirklich nicht sehr gerne mag und dass es/ Ich bin so ein Planungsfreak. Ich kann es überhaupt nicht leiden zu überarbeiten, denn, wie du schon sagst, man kann sich irgendwas vornehmen: so viele Stunden oder so viele Wörter pro Tag oder pro Einheit oder irgendwas, aber überarbeiten geht gar nicht. Ist aber zum Glück nicht Thema dieses Podcasts und deshalb können wir mit dem Thema einfach mal weitermachen. Auf jeden Fall schon mal vielen Dank für diese vielen guten Worte. Jetzt würde ich ganz gerne von meinem dritten Gast von heute etwas hören, nämlich Liv Modes. Liebe Liv, erzähl du uns doch mal, was für Tipps du einem Schreibanfänger oder einem Jungautoren, Jungautorin jetzt einfach mal geben würdest. Einfach unter der Voraussetzung jemand kommt hin und sagt: Ich möchte nächstes Jahr endlich mein Buch schreiben. Was sagst du?

Liv Modes Mein Tipp für Leute, die 2021 ihr erstes eigenes Buch schreiben wollen, ist: Lasst euch nicht entmutigen. Es wird der Moment kommen, an dem ihr eure Geschichte hasst. An dem ihr am liebsten die Datei in den Papierkorb verschieben wollt. An dem ihr alles löschen wollt und jeglichen Hinweis darauf vernichten wollt, dass dieser Text jemals existiert hat. Please don’t. Ich verspreche, das geht vorbei. Schreiben ist zwar fancy und Schreiben ist ein total cooles Hobby und es ist super cool, ein eigenes Buch zu schreiben, aber es ist auch verdammt harte Arbeit, die sehr viel Durchhaltevermögen erfordert. Und wenn es sich nicht immer anfühlt, wie das Allerbeste auf der Welt, dann ist das völlig in Ordnung. Gerade wenn man am Anfang noch steht und erst einmal seine eigene Stimme entwickeln muss, einen eigenen Stil entwickeln muss, dann ist es völlig in Ordnung, wenn Sachen auch mal nicht funktionieren. Dann darf man sich auch ausprobieren und dann darf man Sachen auch anders machen und dann darf man seine Texte ruhig auch mal hassen. Der erste Entwurf ist sowieso immer Scheiße. Das ist auch eine Sache, die hätte ich, als ich angefangen habe, gerne gewusst und ich hätte mir gewünscht, dass mir das jemand sagt: Der erste Entwurf ist immer Scheiße. Und das ist der Zweck eines ersten Entwurfs, Scheiße zu sein. Wichtig ist erst einmal, dass die Geschichte erzählt wird. Nachbessern und überarbeiten kann man später immer noch. Und gerade, wenn man am Anfang steht und erst einmal sich reinfindet in die ganze Sache, muss man auch nicht gleich beim ersten Entwurf direkt alle Schreibtipps berücksichtigen, die man irgendwo gelesen hat und alle Plotting-Methoden anwenden, von denen man irgendwo gehört hat. Erst einmal schreiben. Verbessern kann man immer noch.

Kia Kahawa Und was hättest du als Schreibanfängerin ganz gerne gehört?

Liv Modes Feedback. Feedback tut weh, ist aber wichtig. Das ist ein Satz, den hört man oft. Und grundsätzlich stehen wir dann alle da und nicken fleißig. Wenn wir dann aber die ersten negativen Kommentare zu Texten bekommen, dann stehen wir da und sind total fertig. Und das ist ein Punkt, den ich gerne Leuten mitgeben würde, die gerade auch anfangen: Schreibt erstmal. Findet eure Stimme. Und wenn ihr Feedback bekommt, dann nehmt es nicht persönlich. Schaut, was davon kann ich wirklich auf meinen Text anwenden? Was davon hilft mir auch besser zu werden? Lernt einen reflektierten Umgang mit Feedback, weil es macht euch nur besser. Es tut zwar weh, es tut immer weh, wenn ein eigener Text, den man total liebt und wo man total viel Energie reingesteckt hat, erst einmal auseinandergenommen wird. Aber es kann euch nur besser machen.

Kia Kahawa Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich würde mich jetzt noch dafür interessieren, wie habt ihr kreatives Schreiben gelernt? Lasst uns da mal mit Liv Modes anfangen. Wie bist denn du zum Schreiben gekommen?

Liv Modes Ich bin über Liebeskummer zum Schreiben gekommen. Ich war 13, total unglücklich verliebt in diesen einen Typen und hab angefangen, die schlimmsten, schlechtesten Liebesgedichte der Welt zu schreiben. Dann kamen Kurzgeschichten hinzu. Ich habe festgestellt: Okay, meine Kurzgeschichten sind nicht ganz so scheiße wie meine Liebesgedichte. Und die Sache mit dem Typen hatte sich dann irgendwann erledigt. Das Schreiben ist geblieben. Und dann habe ich eine Weile nur für mich selber geschrieben, hatte aber dann relativ schnell auch das Bedürfnis, mich mit anderen darüber auszutauschen, weil es angefangen hat, einen größeren und größeren Teil im Leben einzunehmen. In meinem Umfeld gab’s aber damals niemanden, der auch geschrieben hat oder mit dem ich mich darüber hätte austauschen können. Deswegen habe ich dann den Weg auf Schreibplattformen gefunden, am Anfang BookRix, später auch das Schreibnacht Forum. Und das waren auch die Orte, wo ich angefangen habe schreiben zu lernen in Anführungsstrichen. Also ich habe Schreiben wirklich fast komplett durch learning by doing gelernt, durchs Feedback einholen, darüber über Texte zu sprechen, auch andere Texte zu analysieren und testzulesen. Weil man dann oft sieht, wie machen andere Leute Sachen? Was kritisiere ich bei anderen Leuten? Was möchte ich in meine eigenen Texte mitnehmen? Was möchte ich anders machen? Und in der Hinsicht habe ich wirklich auch wahnsinnig viel durch Lektorate gelernt. Und das ist das, wodurch ich bis heute am meisten lerne. Mittlerweile habe ich mich auch mit ein paar handwerklichen Sachen mehr beschäftigt, wie Plotting-Methoden, Handlungsaufbau, Charakter Design. Aber ich lerne tatsächlich bis heute am meisten über learning by doing. Und es gab bisher noch kein Lektorat, aus dem ich nicht rausgegangen bin und irgendetwas Neues gelernt habe.

Kia Kahawa Oh ja, also gerade das mit den Lektoraten, das kann ich total nachvollziehen und das unterschreibe ich dir sofort. Ich weiß ganz genau, dass mein Schreibstil am Anfang einfach nicht vorhanden war. Und als ich dann die ersten zwei oder drei professionellen Lektorate mitgemacht habe, habe ich danach gemerkt: Aha, das ist aktiv schreiben, das ist passiv schreiben und das ist man und das ist ein Passiv und besser schreibe ich aktiv und bringe das Ganze zum Leben. Und dann kommt noch “show, don’t tell” und so. Und das ist tatsächlich bis heute so. Also ich habe ja inzwischen/ ich arbeite ja als schriftstellernahe Dienstleisterin, mit Buchsatz und Texterstellung und Werbung und so. Und ich habe ein paar Mitarbeiter und ich erkenne das auf den ersten Blick, ob ein Text gut oder schlecht ist, einfach, weil ich so sehr auf meine alten Laster getrimmt bin, wie ich früher passiv Konstruktionen verwendet habe oder wie ich dieses “man schaute zu ihr rüber” – ich fand das früher toll, aber ist halt nicht geil. Und ich merke das immer sofort. Ich habe da voll den Scanner-Blick und sehe das auch in fremden Texten und sage dann sofort: Ah, nochmal überarbeiten, ohne dass ich den Text gelesen habe. Und ich höre aktuell ganz viele Hörbücher und irgendwie hab ich das Gefühl, ich kann heutzutage heraushören, ob das ein Buch ist, das übersetzt wurde aus dem Englischen oder ob das im Deutschen selbst geschrieben wurde. Weil die Übersetzer*innen irgendwie diese Passiv-Konstruktionen und diese ganzen Fehler, die ich selber dann so gelernt habe, irgendwie besser übersetzen. Und im Deutschen ist es dann ziemlich häufig so, dass ich tatsächlich das höre und sofort geht bei mir so eine Alarmglocke an und ich denke so: Oh mein Gott, das ist ein Fehler, der wurde mir im Lektorat angekreidet und der hat es im Verlagsbuch verwendet. Also gut, das ist natürlich total übertrieben. Und man lernt im Lektorat zwar wie man was besser schreibt und was man besser machen kann, aber es sind halt eigentlich nicht diese Hammerschlag Geschichten von wegen: Du darfst niemals “als” verwenden, niemals “dann”, niemals “dies” oder so. Wobei ich muss sagen, “dies” verwende ich nicht. Also wenn es die Möglichkeit gibt, “dies” oder “das” zu verwenden, ich schreibe immer “das”. Wenn jemand “dies” schreibt, dann, ich weiß nicht, mir stellen sich da die Nackenhaare auf. Also ich hab ein bisschen zu krass gelernt. Ich muss mich da jetzt bremsen. Ich bin ein bisschen zu streng mit mir. Aber gerade dieses professionelle Lektorat, das wirklich ein Feedback ist, das über das Testlesen hinausgeht, sondern wirklich in Richtung Markttauglichkeit geht. Und dieses Manuskript, das ich jetzt lektoriert habe, sagt dann die Lektorin oder der Lektor, das ist gut, weil… das ist schlecht, weil… Du hast Stärken im Bereich XY. Du hast Schwächen im Bereich XY. Und PS: Hier sind nochmal 1.572 Kommentare an bestimmten Stellen und wenn man die dann alle liest und überarbeitet, dann entwickelt man sich. Und diese Entwicklung, die ist bei mir tatsächlich auch eine der krassesten Entwicklungen. Also durch das Lektorat, nicht durch Schreibratgeber. So, liebe Lily, wie sieht das denn bei dir aus? Wodurch hast du das kreative Schreiben erlernt?

Lily Magdalen Puh, ja. Wie hab ich kreatives Schreiben gelernt? Da ich eigentlich schon immer – schon immer klingt immer so abgedroschen, aber es stimmt einfach – ich hab schon immer geschrieben. Deswegen hab ich jetzt/ ja, ich habe nicht irgendwann beschlossen: Okay, ich will jetzt schreiben und hab’s mir dann durch einen Kurs oder sonstwas angeeignet. Ich habe schon immer geschrieben. Und das waren, teilweise waren das Schulaufsätze. Klar. Dann hatten wir in der vierten Klasse eine ganz, ganz großartige Lehrerin, die, also das war unsere Klassenlehrerin, die hatten wir – Gott, wie war das in der Grundschule – in Deutsch und Mathe auf jeden Fall. Ich glaube, in Heimat- und Sachkunde auch. Aber auf jeden Fall in Deutsch hat sie uns/ gab es einmal pro Woche eine Stunde kreatives Schreiben. Und da haben wir wirklich Geschichten geschrieben und das war so/ es war toll und es war eine meiner Initialzündungen als Kind tatsächlich auch zu sagen: Das will ich machen. Ich habe einfach schon immer geschrieben, ich habe nie damit aufgehört. Wie gesagt, Schreibtipps mir irgendwie im Internet durchgelesen et cetera, mich immer in Schreibforen ausgetauscht, mich immer mit Freundinnen ausgetauscht. Ich glaube ich habe jede Freundin, die ich jemals hatte, zumindest zu Schulzeiten immer irgendwie dazu gebracht, auch zu schreiben. Wir haben immer Geschichten geschrieben und dann ausgetauscht. Ich war da glaube ich relativ penetrant. Dann hab ich extrem viel gelesen, einfach. Also das/ Es wäre so schön, wenn das heute immer noch so wäre, aber es klappt leider nicht. Aber als Schülerin hab ich noch wahnsinnig viel gelesen. Ich war quasi wöchentlich in der Stadtbücherei. Da hab ich mir dann teilweise auch mal ein, zwei Schreibratgeber ausgeliehen und gelesen “Wie man einen verdammt guten Roman schreibt”. Das ist bestimmt vielen ein Begriff. Aber das ist jetzt auch nichts, also da hat für mich nicht, da hat es für mich nicht Klick gemacht. Und beim Thema Kurse besuchen und so hat es auch nie wirklich Klick gemacht. Deswegen, ja autodidaktisch, learning by doing, trial and error. Ich habe einfach schon immer geschrieben und quasi nie was Anderes gemacht.

Kia Kahawa Kreatives Schreiben in der Schule, das klingt ja super traumhaft. Ich erinnere mich dran, dass wir das in der dritten Klasse mal als Thema hatten. Dann hatten wir mal Bildinterpretation, also die Art von Interpretation, wo der Lehrer nicht sagt: Das ist falsch. Das hatten wir in der siebten Klasse und vielleicht irgendwann haben wir mal zwei Wochen lang Gedichte geschrieben, aber das war’s dann auch. Jetzt würde ich gerne Alexander befragen. Wie sieht denn dein Werdegang so aus? Wie bist du zum Schreiben gekommen? Was ist passiert, dass du heute hier bist?

Alexander Greiner Früher habe ich nur, eigentlich nur Profanes geschrieben. Ich komme aus der Unternehmensberatung mit einem sehr starken IT-Fokus. Da hat man natürlich reichlich mit recht komplexen Inhalten zu tun. Aber schon damals hatte ich den Anspruch, dass das, was ich schreibe, erstens schön klingt, zweitens gut lesbar ist und drittens einfach verständlich ist. Ich habe da schon sehr viel an den Formulierungen gefeilt. Das kreative Schreiben kam dann erst vor drei Jahren. Ich wollte mein Schreiben professionalisieren und habe einen Wochenend-Workshop in einem Schreibstudio in Wien gebucht und absolviert. Und danach war ich so angefixt vom Schreiben, dass ich dann einen ganzen Lehrgang dazu gebucht habe, der ein komplettes Jahr gedauert hat. Sogar länger, 13 Monate waren das. Inhalte waren Storytelling, Dramaturgie, Kurzgeschichten schreiben, auch größere Werke, wie Romane, entwickeln, Essays schreiben, schreiben über das eigene Leben und ganz, ganz viele Übungen zum Freischreiben, also um in den Schreibfluss hineinzukommen. Ja, und daneben habe ich natürlich sehr viele Bücher gelesen. Hauptsächlich Romane, aber auch ein bisschen so klassische Schreibliteratur.

Kia Kahawa Und wovon würdest du sagen, das bringt dich im Schreiben am besten weiter? Also was hilft dir dabei, dich zu verbessern?

Alexander Greiner Das ist easy. Lesen. Viel lesen und schreiben, dann das eigene Geschriebene lesen und überarbeiten und viel überarbeiten.

Kia Kahawa Okay, ja, also da stimme ich dir eigentlich voll zu. Aber dann auch doch nicht, denn man kann sich durch Lesen auch den Schreibstil kaputtmachen, jedenfalls, wenn man Kia Kahawa heißt. Denn wenn ich zu begeistert zu gute Bücher lese, dann habe ich beim Schreiben dann den Anspruch, so gut zu sein wie der Autor. Oder das, was mir beim Lesen aufgefallen ist irgendwie, was mich begeistert und mitgerissen hat, das fließt dann irgendwie in mein Schreiben rein. Jetzt nicht so Plagiat-Style, aber irgendwie mach ich mir dadurch dann doch selbst schon mal eine Schreibblockade. Das ist ein bisschen schwierig, aber ich hoffe natürlich, dass das niemandem außer mir sonst so im Wege stehen kann. Wenn du lesen, schreiben und überarbeiten und dann vor allem viel lesen, viel schreiben und viel überarbeiten sagst, wie stehst du da dann zu Feedback?

Alexander Greiner Feedback ist wichtig, aber ich würde es am Anfang nicht überbewerten. Ich finde, jede und jeder muss ihren und seinen eigenen Stil entwickeln. Da ist zu frühes Feedback kontraproduktiv. Lieber würde ich ein paar wenige Schreibtipps beachten, als sich in ein zu enges Korsett zu zwängen, das dann wiederum kein freies Schreiben mehr ermöglicht.

Kia Kahawa Okay, jetzt würde ich gerne von Liv hören: Wie verbesserst du dich im Schreiben? Was hilft dir dabei?

Liv Modes Es gibt ein wunderschönes Meme mit der Antwort auf die Frage, was man denn tun kann, um sich im Schreiben zu verbessern. Und einer der Punkte auf dieser Liste ist tatsächlich: Schreiben. Ich weiß, alle Autor*innen, die gerade vor ihren Manuskripten sitzen und prokrastinieren, werden jetzt entsetzt aufschreien. Aber man muss tatsächlich schreiben, um sich darin zu verbessern. Man muss es üben, wie alles andere auch. Und das ist für mich einer der wichtigsten Punkte, wie ich mich in meinem eigenen Schreiben verbessere, hoffentlich, indem ich mich immer wieder selbst herausfordere. Indem ich neue Sachen ausprobiere und es nochmal versuche, weil es nicht funktioniert hat. Und es dann nochmal versuche, weil es schon wieder nicht funktioniert hat. Und da eben dranzubleiben und zu schauen, was kann ich an Sachen auch in mein eigenes Schreiben integrieren. Der zweite Punkt, der für mich wichtig ist, um mich zu verbessern, ist tatsächlich zu Lesen in den Genres, in denen ich auch schreibe. Bei mir ist das hauptsächlich Young Adult und Entwicklungsromane. Und gerade bei Young Adult ist es für mich wichtig zu wissen, wie entwickelt sich der Markt und welche Themen sind für die 17/18-Jährigen relevant und welche sollte ich aufgreifen? Ich bin halt keine 17/18 mehr und muss deswegen irgendwo im Blick behalten, wie Dinge dargestellt werden sollten und welche Themen eben relevant sind. Und der dritte Punkt, der für mich in der Hinsicht wichtig ist, ist, mich auch in Bereichen fortzubilden, die auf den ersten Blick nichts mit dem Schreiben zu tun haben. Sei es Politik, sei es Psychologie, Naturwissenschaften, Geschichte – alles solche Sachen. Weil mir in meinen Texten z.B. eben auch Diversität sehr wichtig ist und da viel Recherche und viel Sensibilität dazugehört, um Dinge richtig darzustellen. Und dann holt man sich eben auch einen Sensitivity Reader dazu, der den Text auf Dinge prüft, die vielleicht nicht richtig dargestellt wurden oder die falsch dargestellt wurden. Und dadurch lernt man eben auch dazu. Und dadurch wird man eben auch besser.

Kia Kahawa Okay, vielen Dank. Ich würde das jetzt einfach so wie es ist weitergeben an Lily Magdalen. Erzähl du doch mal.

Lily Magdalen Zum Thema verbessern, nehme ich jetzt einfach mal den aktuellen Roman, weil das tatsächlich die Geschichte ist, die am weitesten/ mit der ich am weitesten bin, sozusagen. Weil es ja der erste Roman ist, den ich veröffentliche. Dementsprechend auch der erste Roman, der wirklich viele, ja, der durch viele andere Hände gegangen ist, außer nur meine eigenen. Und jeder einzelne dieser Personen, die den Roman gelesen hat, hat dazu beigetragen, den zu verbessern. Während des Schreibens habe ich mich super super, super eng mit meiner lieben Freundin Jessy ausgetauscht. Beste WritingBuddy-Freundin aller Zeiten. Wir haben einfach, wir haben stundenlange Sprachnachrichten ausgetauscht. Ich hab ihr/ oh, das ist eine Sache, die hat mir super, super viel geholfen. Ich hab ihr/ Irgendwie haben wir damit angefangen und es war am Anfang total awkward, aber dann konnten wir nicht mehr aufhören, ich hab ihr jeden neuen Textabschnitt per Sprachnachricht vorgelesen. Im laut Lesen fallen einem schon so viele Dinge auf: Wortwiederholungen, Sätze, die holpern et cetera, teilweise hab ich während dem Vorlesen verbessert. Ja, dann hatte der Roman zwei Testlese-Runden und da hab ich unglaublich viel mitgenommen aus dem Feedback. Vor allem, dass ist mir vor allem dann in der Beta Runde aufgefallen, wo ich den Roman quasi Unbekannteren, nicht jede von denen, die den gelesen haben, war eine fremde Person für mich, aber doch über mein engstes Umfeld hinaus. Genau. Also da haben ein bisschen/ Das ging dann/ Ah, jetzt wiederhole ich mich. Einfach weitermachen. Das ging über das engste Umfeld hinaus und dementsprechend war das Feedback auch teilweise sehr unterschiedlich. Und ich habe an meinen eigenen Reaktionen auf das Feedback extrem viel erkannt. Immer, wenn ich gedacht hab: Pff, ja klar, du hast das jetzt einfach nicht verstanden. Oder: Okay, dann ist das halt nichts für dich. Oder egal irgendwie, wenn ich direkt innerlich auf Abwehr gegangen bin, sagt mir das etwas anderes über die Textstelle aus, als wenn ich denke: Okay, ja, da ist was dran. Okay, alles klar. Muss ich vielleicht nochmal… Oder wenn ich mich auch so angestachelt fühle, im Sinne von: Mein Gott, nein, das sollst du doch ganz anders sehen. Dann weiß ich auch, hier musst du noch etwas machen. Also ja, das hat mir viel geholfen. Gar nicht so sehr, was die Testlesenden auf einer Wortebene geschrieben haben, das selbstverständlich auch, aber darüber hinaus in mich selbst rein zu hören und zu erkennen, wie ich welches Feedback finde. Was extrem hilft, wenn das Feedback gegensätzlich ausfällt, wenn ein und dieselbe Sache von der einen Person gut und von der anderen schlecht gefunden wird. Dann sitzt man da und fragt sich, okay, was? Was davon? Ich kann ja nicht beides umsetzen. Und da hilft es wirklich, in sich selbst hinein zu hören. Tatsächlich. Und klar, von meiner Lektorin habe ich unglaublich viel gelernt und ich hoffe einfach, dass ich im nächsten Buch weniger und schönere und gezieltere Inquit-Formeln setzen werde und mit den Ellipsen, die ich sehr liebe und die ich auch als persönliches Stilmittel erachte, doch, trotz allem, ein bisschen sparsamer umgehe. Mal gucken. Das wird sich im zweiten Roman dann rausstellen, wie viel ich dann doch gelernt und mitgenommen habe.

Kia Kahawa Das sind super spannende Antworten. Ich bin gerade total begeistert von dieser ersten Podcast Folge des Winterferien-Programms 2020, mit ein bisschen 2021 dann mit der letzten Folge. Ich bin da jetzt gerade sehr, sehr happy drüber. Es geht also wirklich sehr, sehr viel darum, einfach zu schreiben, dranzubleiben, sich nicht unterkriegen zu lassen und auch wenn es irgendwie nicht geht, dann doch zu schreiben. Und wenn man Mist schreibt, Feedback immer gut aussortieren, zwar sich Feedback geben lassen, aber wie Lily gerade noch gesagt hat, dass man sich da schon das raussucht, was man überhaupt gebrauchen kann. Wenn eins negativ ist, eins positiv zum gleichen Text, dann kann man damit nur etwas anfangen, wenn man sich Gedanken über das Feedback macht. Aber auch nicht zu viele Gedanken, wie Alexander betont hat. Und was für mich persönlich ein goldwerter Tipp aus diesem Podcast ist, den ich natürlich schon vorher wusste, aber den ich gerne an euch nochmal, liebe Hörer, weitergeben möchte: Durch Lektorate könnt ihr richtig, richtig viel lernen. Wenn ihr also nicht vorhabt, euer Buch bei einem Verlag zu veröffentlichen, der macht das Lektorat dann ja kostenlos. Wenn ihr Self-Publisher sein solltet, dann könnt ihr einen Lektor oder eine Lektorin beauftragen, euren Text einmal komplett rüber zu bügeln, mit Kommentaren zu versehen und euch ganz, ganz viel Feedback zu geben. Und das kann wirklich auf Dauer den Schreibstil verbessern. Ich bin sehr, sehr froh, dass ich nicht die Einzige bin, die das so für sich empfindet. Aber wichtig ist, wie wir schon einmal betont haben, der richtige Umgang mit Feedback. Ja, schreiben lernt ihr durchs Schreiben und durchs Lesen und durchs Überarbeiten. Und ich hoffe, ihr konntet sehr, sehr viel Inhalt von meinen Gästen Alexander Greiner, Liv Modes und Lily Magdalen mitnehmen.

 

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