Ich bin von Akrasia betroffen (gewesen) und möchte in diesem Artikel mal ein bisschen über Akrasia sprechen: Ein Phänomen, das kaum einer beim Namen nennen kann, vermutlich jeder aber schon einmal selbst erlebt hat.

Laut Wikipedia ist Akrasia, wenn man eine Handlung ausführt, obwohl eine alternative Handlung besser wäre. In „Einfach liegen lassen“ von John Perry und Maria Andreas-Hoole schreiben die beiden Autor*innen, dass Akrasia die Fähigkeit sei, das Vernünftige zu erkennen, und das gleichzeitige Unvermögen, danach zu handeln.

Es geht also irgendwie darum, etwas zu wollen und das Gegenteil zu tun. Mit anderen Worten: Willkommen in meiner Welt … ?

Willst du beispielsweise – Achtung, typisches Beispiel für Anfang Januar! – deine Ernährung umstellen und wirst plötzlich mit einem Schokoriegel, einer Torte oder den übrig gebliebenen Keksen von Weihnachten konfrontiert, dann ist der gute Vorsatz für das neue Jahr meistens klar: Kein Schokoriegel. Dann kommen aber der innere Schweinehund, Limbi, Engelchen und Teufelchen auf der Schulter oder andere imaginäre Figuren in dein Umfeld und zwingen dich dazu, die ungeliebte Nascherei zu verdrücken. Aber Akrasia gibt es auch im Business.

Ich kann mich mit Akrasia identifizieren – nicht nur, weil ich als Autorin Expertin für Prokrastination bin, sondern auch und vor allem, weil ich endlich ein Wort für diese Starre gefunden habe, unter der ich ziemlich lange gelitten habe.

 

Eine Abgrenzung von Akrasia, Prokrastination und Aufschieberitis

Nach meinem Verständnis sind Akrasia, Prokrastination und Aufschieberitis drei verschiedene Paar Schuhe.

Bei der Aufschieberitis vermeiden wir eine Pflicht, egal, welche, und füllen unsere Zeit eher mit dem Schönen, mit der Freizeit.

Prokrastinieren wir, erscheinen plötzlich andere Pflichten viel wichtiger und / oder dringender, sodass wir die zu erledigende Aufgabe zwar aufschieben, aber in dieser Zeit effizient sind. Ich halte Prokrastination für die fleißige Schwester der Aufschieberitis. Fleißig ist gut – aber Prokrastination kann auch verlogen sein.

Bei Akrasia geht es gar nicht darum, was man tut, um die aktuelle Aufgabe zu vermeiden. Akrasia ist für mich einfach nur der Mindfuck des: „Eigentlich weiß ich es besser!“. Eine Unfähigkeit, etwas zu tun, obwohl das Wissen und das Verständnis vorhanden sind, das Richtige zu tun.

 

Akrasia für Selbstständige

Angenommen, du machst dich selbstständig. Als Lektorin möchtest du durchstarten, hast schon einige Kund*innen und ein gewisses Budget, um in dich und deine Tätigkeit zu investieren. Du hast ein Marketing-Budget von 2.000 €, und dann bekommst du ein Angebot, das dir für 1.000 € eine sehr große Reichweite garantiert.

Da ein Lektorat in den allermeisten Fällen (und bei entsprechend langen Manuskripten) mehr als 1.000 € kostet, brauchst du also von der Werbereichweite genau ein*e Kund*in, um bei Null rauszukommen. Der Return on Investment (ROI) liegt dann bei 1. Du bezahlst 1.000 € für Werbung und brauchst daraus einen einzigen Auftrag im Wert von 1.000 €. Eigentlich kann es also nur besser laufen.

Solltest du jetzt denken, dieses Werberisiko ist zu groß, dann zeigst du eine klare Schwäche: Mangelndes Selbstbewusstsein! Denn als Selbstständige sind wir alle mit einer gewissen Erwartung an unsere Selbstwirksamkeit und deren Wirkungsradius vertraut: Sonst würden wir doch niemals Geld für unsere Dienstleistung verlangen, oder?

Akrasia macht uns hier aber einen Strich durch die Richtung. Die Schwäche „mangelndes Selbstbewusstsein“ bläst sich auf und lässt uns unterschwellig glauben, dass es sicher keine Möglichkeit gibt, dass auch nur eine einzige Person die geplante Werbeanzeige sieht und von deiner Leistung überzeugt wird. Das heißt, dass Akrasia dafür sorgt, dass hier der völlig irrationale Gedanke existiert, dass die Conversion Rate sehr sehr niedrig liegt.

 

Akrasia und ich – ich und Akrasia

Warum ich dieses Beispiel so konkret anbringe? Nun, ich habe selbst noch nie Werbung für meinen Buchsatz gemacht. Ich appelliere an meine Kund*innen und Leser*innen dieses Blogs, dass sie sich professionalisieren und unbedingt auch Marketing-Budgets für ihre Bücher bedenken sollen. Und für meine eigenen Bücher buche ich seit Jahren und mit positivem ROI Werbung – doch meine Dienstleistungen wie etwa mein Buchsatz-Angebot wird in 65 % der Fälle über Google erreicht. 35 % meiner Anfragen kommen auf Empfehlungen Dritter zu mir. 0 % sehen mich durch Werbung.

Warum mache ich aber keine Werbung? Klar, weil es bequem so ist! Ich bin permanent über Monate ausgebucht und arbeite inzwischen mit einem Team von zwei Buchsetzer*innen zusammen (und suche derzeit eine dritte Buchsetzerin), um alles zu stemmen. Doch ich könnte dennoch wachsen, mehr daraus machen, größer werden.

Der Grund, warum ich keine Werbung mache, ist, dass ich mich viel zu sehr über meine Schwächen definiere und nicht über meine Stärken. Die Schwächen, die hier im Vordergrund stehen, sind mangelndes Selbstbewusstsein, Angst vor Investitionen, Angst zu versagen und Angst vor der Zukunft. Vor Überforderung?

Doch hier sieht man schon wieder, was Akrasia für ein Mindfuck ist: Ängste sind doch gar keine Schwächen! Ängste sind gesunde oder ungesunde Emotionen und Reaktionen auf etwas, das real existiert oder das unser Gehirn uns vorgaukelt, dass es existiert.

 

Was denkst du?

Akrasia wird der nächste Phänomenen-Trend. Der nächste Erklärungs-Hype für die Unfähigkeit, das eigene Leben in den Griff zu kriegen. Daran glaube ich fest, hat doch die Prokrastination sich als normalen und vielgenutzten Begriff in unserer Sprache durchgesetzt.

Aber lass uns nicht zu Opfern von Akrasia werden, sondern genau betrachten, worum es geht: Um einen Wertekonflikt!

Wenn du dir Ziele setzt, richte dein Handeln danach aus. Tu nicht das Gegenteil von dem, was du eigentlich willst – und vor allem: Prüfe deine Ziele auf Herz und Nieren. Sind es deine Ziele? Willst du das wirklich? Was bist du bereit, dafür zu tun?

Ich gehe nicht davon aus, dass du jetzt die Erleuchtung findest und denkst: „Oha! Das ist Akrasia! Ich habe ein Wort für meinen verdeckt vor sich hin brodelnden Wertekonflikt. Jetzt weiß ich bescheid, jetzt kann ich alles ändern – BÄM! Ich bin geheilt.“ Ich denke eher, dass du durch diesen Blogartikel und den Auto(r)preneur-Podcast siehst, dass du nicht allein bist, solltest du entdeckt haben, dass du von Akrasia betroffen bist.

Oben genannte Fragen sind dazu da, dass du sie dir selbst stellst. Sähe diese Fragen wie einen Samen in deinem Kopf und lass sie gerne ein paar Tage ruhen. Finde Antworten, werde die beste Version deiner Selbst – und dann trau dir endlich zu, was du in deiner Selbstständigkeit schon längst hättest wagen müssen!

Hast du Erfahrungen mit Akrasia? Erzähl uns davon! Schreib in die Kommentare dieses Artikels.

Alles Liebe,

Kia

 

Der Auto(r)preneur-Podcast:

Jeden Monat am 10., 20. und 30. veröffentliche ich eine neue Episode des Auto(r)preneur-Podcasts. Ich spreche über meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse, die mit wichtigen Business-Themen zu tun haben, die für buchnahe Selbstständige relevant sein könnten. Bei Auto(r)preneur wirst du nicht mit Weisheit überschüttet, sondern sitzt mit mir im selben Boot.

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