Teil 3 von 3 des Interviews mit Nora Bendzko. Hier geht’s zurück zu Teil 2.

Das Thema Trigger ist extrem wichtig geworden in der letzten Zeit, jedenfalls meiner Meinung nach. Und zwar indem es mehr Aufmerksamkeit erlangt. Allgemein befinden wir uns auf einem guten Weg, vor allem, was die Akzeptanz psychischer Erkrankungen wie Traumata angeht. Und dann passiert Nora mit einer Kollegin etwas, sodass sie folgenden Thread veröffentlichte:

Du hast dich darüber aufgeregt, dass einige Personen das Thema Trigger witzig finden zu scheinen. Kann man überhaupt “das Thema Trigger” sagen? Bitte nenn mir doch mal deine Definition von Trigger für diejenigen unter den Lesern, die damit noch keine Berührungspunkte hatten und erkläre, warum Trigger nicht witzig sind.

Ich bin selbst ganz neu im Thema und hoffe, nicht zu laienhaft zu klingen. Erst einmal kann man “das Thema Trigger” so nicht sagen, denn Trigger sind sehr individuell. Sie sind Dinge, die einen in ein traumatisches Erlebnis zurückwerfen. Leute, die getriggert werden, erfahren heftige Panikattacken, die im schlimmsten Fall mit Selbstverletzung oder -tötung enden können. Hierbei ist wichtig zu unterscheiden, dass die Erwähnung z. B. von Vergewaltigung nicht selbst ein Trigger ist. Es sind kleine, manchmal sogar unscheinbar wirkende Erlebnisse wie ein bestimmter Geruch. Im Internet sind Trigger schon vor Jahren, gerade seitens der rechten Szene, zu einem Witz verkommen. Besonders mit dem “I’m triggered!”-Meme wird sich über Feministinnen und queere Menschen lustig gemacht, obwohl diese oft traumatische Gewalt wegen ihrem Geschlecht erlebt haben. Diese menschenverachtende Haltung ist mir schon länger gegen den Strich gegangen. Als ich dann beobachtet habe, wie verschiedenste Kolleg*innen sich hämisch über das Thema ausließen, musste ich was dazu schreiben.

Du sprichst an, was ich seit Wochen schon mit mir herumtrage! Ich persönlich habe ein Problem mit Triggerwarnungen. Ich würde sie gerne in mein Buch einbinden. Aber was kann alles triggern? Natürlich gehören Selbstmordversuche und häusliche Gewalt in die Triggerwarnungen. Aber was noch?

Da gibt es einige Kandidaten, wie eben häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Mord (insbesondere der Tod von Angehörigen), Blut, Gewalt an Kindern, Drogenkonsum, Tierquälerei, Ableismus (= Behindertenfeindlichkeit), Fehlgeburt, jede Form von tätlicher Diskriminierung aufgrund von Ethnie oder Geschlecht, aber auch Krankheiten wie Krebs. Das ist keine Liste mit Anspruch auf Vollständigkeit, nur ein paar Beispiele. Generell gibt es leider sehr wenige Info-Seiten und Listen zu Trigger-Warnungen bisher. Einige Blogs haben aber Hilfreiches zusammengestellt, so Frau Schreibseele.

Schlussendlich kann aber sogar alles, was mit Nahrung zu tun hat, ein Trigger sein. Das hat übrigens auch Twitter erkannt und zeigt mir oft statt Fotos von Essen eine Bildwarnung für sensible Inhalte. Glaubst du, man kann mit Triggerwarnungen alle Trigger abdecken?

Leider nein. Es wäre vermessen zu behaupten, man könnte vollständige Trigger-Listen erstellen, eben weil Trigger so individuell sind. Wenn jemand durch die Farbe Orange getriggert wird, kann ich das nicht für mein Buch vermeiden. ABER: Deswegen kann ich trotzdem vor gängigen Szenarien warnen, die als traumatisierend bekannt sind. Denn diese erhalten potentiell Trigger, die viele Menschen teilen. Damit kann ich zumindest den Ansatz einer Hilfe und Teilen meiner Leserschaft einen Service bieten.

Das ist absolut okay. Zum Abschluss würde ich dich gerne noch fragen, welche Triggerwarnungen in jedes Buch gehören.  Lass uns dafür doch mal eines meiner und eines deiner aktuellen Projekte nehmen.

Ich habe bis Anfang 2018 an einem Jugendbuch mit dem Arbeitstitel “Zwei Seelen” geschrieben. Jetzt ist es von den Testlesern zurück und liegt bei der Agentur. Es geht um zwei Schüler, 15 und 16 Jahre alt. Sie wird gemobbt, er wird durch Gruppenzwang und Sehnsucht nach Freundschaft zum Mobber. Da ist alles dabei. Intrigen in der Freundschaft, extrem peinliche Situationen, sexuelle Belästigung, Cybermobbing bis hin zum Wunsch nach Suizid. Aber auch vernachlässigte Kinder, viel arbeitende Eltern und ein Junge, der im Koma liegt. Könntest du aus dieser Pitching-Wut eine Triggerwarnungs-Empfehlung erstellen, auch wenn du kein Profi bist?

Da springen mir auf jeden Fall ein paar Dinge ins Auge, die ich bei den Trigger-Warnungen mit aufnehmen würde. Mobbing, die sexuelle Belästigung und auf jeden Fall der Suizid. Eventuell Hate Speech und spezielles Shaming (zum Beispiel Fatshaming) beim Mobbing, je nachdem, was vorkommt. Bei der Altersgruppe kann ich mir auch vorstellen, dass Depression und selbstverletztendes Verhalten eine Rolle spielen.

Danke dir! An Mobbing und sexuelle Belästigung oder Suizidgedanken habe ich natürlich selbst gedacht. Aber Hate Speech, die definitiv vorkommt oder Fatshaming (tatsächlich konkret genau so im Buch) habe ich überhaupt nicht gedacht.

Magst du mir dein aktuelles Projekt pitchen? Ich würde es gerne selbst einmal probieren und mögliche Triggerwarnungen aussprechen, die zu deinem Werk beitragen. Natürlich darfst du danach ergänzen, was ich übersehen haben könnte.

Da würde ich mein Science-Fiction-Projekt “Roboter Engel” wählen, das ich derzeit überarbeite. Es spielt in der fernen Zukunft, in einem dystopischen Staat, der komplett auf Robotik aufgebaut ist. Der Planet selbst ist durch nukleare Waffen zerstört, die Menschheit zum Großteil dezimiert. In dem militärischen Weltstaat, der geblieben ist, wird alles rigoros reguliert, auch Menschenleben. Wer nicht ins System passt – wie queere Personen oder solche mit Behinderung -, wird ausnahmslos deportiert. So auch defekte Maschinen, wie der Hauptcharakter RV-CE 1528. Seit seiner Aktivierung versteckt er einen Baufehler, nämlich, dass er die Gefühle von Menschen nachvollziehen und reproduzieren kann. Als er auffliegt, ist er gezwungen, vor seiner eigenen Ausschaltung zu fliehen. Damit beginnt für ihn eine Reise in die dunkelsten Ecken des Weltstaates, bei der er nicht nur auf seinesgleichen trifft und sich mit Rebellen verbündet, die das System stürzen wollen. Er muss auch erkennen, dass die Robotik selbst auf mehr Leichen aufgebaut ist, als es den Anschein hat.

Hmm… Also einerseits klingt es wie ein Buch, das ich sofort lesen würde. By the way, ich hoffe, du kennst unseren Buchblog (www.buchensemble.de)? Vielleicht frage ich ein Rezensionsexemplar von dir an 🙂

Ich bin mir gerade unsicher. Sollte man als Triggerwarnung “Queere Personen” angeben? Ich habe in “Hanover’s Blind” absichtlich darauf zu verzichtet, die Bisexualität des Protagonisten anzugeben, weil ich finde, dass Sexualität eine Selbstverständlichkeit und nichts “Besonderes” sein soll in Zukunft.

Aber auf jeden Fall würde ich eine Triggerwarnung zur Deportation aussprechen. Weiß aber ehrlich gesagt nicht, wie man das nennen soll. Klingt ja sehr nach Holocaust. Aber es ist nicht historisch, sondern dystopische Zukunft. Wie nennt man hier die Triggerwarnung?

Zum Schluss würde ich, weil du von einem zu stürzenden System sprichst, in die Triggerwarnungen das Wort “Putsch” einbringen. Ich weiß nicht genau, warum, aber vielleicht für Geflüchtete und solche, die Krieg und Putsche erlebt haben und darunter persönlich gelitten haben.

Was sagst du zu meinen Vorschlägen? Würdest du etwas ergänzen?

Oh, das freut mich, wenn das Projekt interessant klingt! Es wird noch etwas dauern, bis ich es Verlagen anbieten kann, aber ich werde das Buchensemble auf jeden Fall im Kopf behalten. “Queere Person” würde ich auch nicht angeben, aber “Queerphobie” / “Queer-Feindlichkeit”. Das Thema Deportation und die anderen Themen könnte man vielleicht unter “Krieg & Verfolgung” zusammenfassen.

Ich denke, wir sind einer Meinung, dass Triggerwarnungen nicht alles sind. Und vor allem, dass sie nicht einheitlich bestimmt werden können. Ein Buch kann dennoch triggern, denn so unterschiedlich, wie wir Menschen sind, sind auch die Traumata und Störungen derjenigen, die psychische Probleme haben. Dafür hat Elif, auf Twitter @eelifant, eine Sensitive Reading Liste ins Leben gerufen. Dabei lesen Personen, die ich mit bestimmten (Trigger-)Themen auskennen, ein Buch zum Test und achten darauf, dass sensible Inhalte angemessen dargestellt werden. Es geht von Selbstmord über häusliche Gewalt bis hin zur einfachen Darstellung von PoC (People of Color). Kurz: Es geht um alles, was Menschen verletzen kann und wobei ein Schriftsteller Hilfe gebrauchen könnte, bevor das Buch erscheint.

Wenn du einen Sensitive Reader benötigst, schau’ in die öffentliche Liste. Du kannst die Leute ansprechen, die sich für deine Themen eingetragen haben.

Nora hat außerdem gestern eine Trigger-Liste veröffentlicht.

Vielen Dank, liebe Nora, für dieses umfangreiche Interview!

Foto (c) Radka Klein von Nachtfrost Photography

Wenn Nora Bendzko nicht schreibt, studiert sie Deutsche Philologie in Wien, macht mit einer ihrer Bands die Stadt unsicher oder lektoriert. Der dunklen Seite der Literatur ist sie ebenso verfallen wie schwarzem Tee. Seit 2016 veröffentlicht sie mit den mehrfach preisnominierten Galgenmärchen düstere Fantasy-Adaptionen der Brüder Grimm.

Homepage: norabendzko.com
Facebook: facebook.com/norabendzkooffiziell
Twitter: @NoraBendzko

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