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Nein – Wie ich eine Woche lang jede Bitte abschmetterte

Eine Woche lang “Nein” sagen. Zu allen Bitten, Fragen und Gefälligkeiten. Es war ein schwieriges Projekt mit sehr wertvollen Erkenntnissen. Spoiler vorab: Ich stehe noch am Anfang auf meinem Weg zu einer Person mit echter Haltung.

Erinnerst du dich an den Blogartikel, in dem ich von meiner 65-Stunden-Woche erzählte? Ich habe seit Neujahr einiges geändert und nachgezählt: Es sind inzwischen nur noch knappe 45 Stunden. Und das fühlt sich außerordentlich gut an!

Aber irgendwie bin ich trotzdem noch nicht fokussiert bei der Sache. Irgendwie sind da noch zahlreiche Kleinprojekte, dies mal eben hier, jenes mal eben dort… Obwohl ich an mindestens fünf Tagen in der Woche das Konzept “Feierabend” durchziehen will, klappt es nicht so recht. In meiner Freizeit arbeite ich doch irgendwie noch. Dann kam die Entscheidung. Ich habe mir vorgenommen, eine komplette Woche lang alle Bitten und „kurze Fragen, nur mal schnell zwischendurch“ abzuschmettern.

Wieso habe ich plötzlich „nein“ gesagt?

Im Dezember habe ich Marlen und Tinte zugesagt, ihr Jugendbuch Nightmare’s City zu lektorieren. Einfach aus Spaß an der Freude, und weil die beiden mir bei meinen Projekten unterstützend zur Seite stehen. Das ist keine kostenlose Leistung, sondern ein Leistungsaustausch, da Marlen mir das Buchprojekt “ISM” testliest und Anmerkungen gibt. Deswegen habe ich dieses Vorhaben nicht aus meiner To-Do-Liste gestrichen, als mir alles zu viel wurde und ich Prioritäten setzen musste. Außerdem machen die Texte der beiden echt Spaß beim Lesen!

Aber es kam anders als geplant. Seit Weihnachten hatte ich (bis heute!) keine Zeit, weiter zu lektorieren. Das Manuskript liegt bei mir im Schrank (auf dem Tablet) und wartet auf mich. Denn ich habe hier und da immer wieder kurze Bitten zugesagt.

Durch „Autoren an die Steuer“ beispielsweise erhalte ich ständig E-Mails. Die Leute vertrauen mir ihre finanziellen Situationen und Probleme an, stellen Fragen und verwechseln mich mit einer karitativen Steuerberatung.

Ein Highlight aus dem Postfach (man achte auf Datum / Uhrzeit der letzten beiden Mails):

Grafik, auf der zu sehen ist, dass eine E-Mail mit dem Betreff "Hallo Kia?" am 23. Januar um 13:03 ankommt. Am 24. Januar um 18:06 kommt eine Nachfrage-E-Mail mit dem Betreff: "Hallo Kia? Hallo?"

Hier eine Frage, da mal kurz drüber lesen. Eine kurze Szene kommentieren, einen Kontakt herstellen, den Thread im Forum lesen, über irgendwas nachdenken, einen Beitrag zu etwas leisten und wenn ich schon mal dabei bin, kurz mal die Kuh vom Eis holen.

All das hinderte mich nicht nur daran, meine eigenen Aufgaben zu meistern, sondern sorgte auch dafür, dass ich bei Angeboten von mir aus, den geliebten Buchmenschen unter die Arme zu greifen, total unzuverlässig war. Das Manuskript von Elyseo da Silva, das ich testlesen wollte, habe ich nicht einmal zur Hälfte durchbekommen, bevor ich wieder vom Strudel der Gefälligkeiten gepackt wurde.

Ende des Jahres 2017 fühlte ich mich also nicht nur unzuverlässig, sondern war zudem noch maßlos überfordert. Etwa 80 % der Zeit, die ich betriebsam war, arbeitete ich kostenlos. Bei der Steuererklärung, die ich am ersten Sonntag im Januar anfertigte (Streber!), konnte ich mir einen groben Stundenlohn errechnen. Einnahmen geteilt durch Arbeitsstunden. Die Hälfte des Mindestlohns erscheint mir viel im Vergleich dazu. Knapp unter 3,00 € die Stunde im Jahr 2017. Lol.

Um meine tatsächliche Arbeitszeit in den Griff zu kriegen, nicht mehr unter der permanenten Überforderung zu leiden und mal herauszufinden, wie oft ich um Gefallen gebeten werde, habe ich vom 22. – 28. Januar mehr oder weniger konsequent „nein“ gesagt.

Und das ist nicht alles: Ich bin dabei ehrlich geblieben. Früher hieß mein “Nein” oft, dass ich leider, leider nicht in der Lage dazu bin, etwas zu tun, es aber doch so gerne täte.

Kias Top 3 der Nein-Begründungen

1. Nein, gerade nicht. Aber später / morgen / nächste Woche kann ich vielleicht …

2. Nein, tut mir leid. Ich habe soooo viel zu tun! Und so viele Termine! Ich habe seit [Zeitraum] keine freie Sekunde mehr gehabt!

3. Nein. Aber ich verspreche dir, [hier Gutes-Gewissen-Ersatzangebot, das mir eigentlich überhaupt nicht passt / guttut einfügen].

 

Ich bin also nicht nur unzuverlässig und überfordert, sondern auch noch unehrlich. Kurzum: Ich habe keine Haltung!

 

Aller Anfang war sweet & positive…

Ich startete mit einem Tweet. Montag früh bin ich aufgestanden und hatte plötzlich Lust, das Ding öffentlich zu machen. Der Zuspruch war höher und stärker als gedacht.

Ein bisschen überwältigt von den Mut machenden Worten machten ein paar Buchmenschen ein Spiel daraus und fragten mich, ob ich mich um den Weltfrieden kümmern könne, ihnen Geld schenken würde und ob ich ein Fazit zu der Nein-Woche schreiben würde. Das habe ich mit lustigen Nein-Gifs beantwortet. Obwohl die Frage, ob ich ein Fazit verfassen würde, ähnlich fies gestellt wurde wie die Frage „Kriege ich ein Nein von dir?“, wie ich zugeben muss. Der Anfang war also beschwingt und witzig. Gut gelaunt startete ich in meine Nein-Woche.

Die Reaktionen der Online-Menschen waren allesamt positiv und witzig. Selbst die Leute, die mich per E-Mail anfragten, hatten Verständnis und haben mir humorvoll angedroht, einen Sturm der Bitten und Anfragen pünktlich zum Ende der Nein-Woche am 29. Januar zu schicken. Ich kann also sagen: Verständnis und Feedback waren durch und durch positiv. Der Sturm der Nachfragen-E-Mails kam nicht. Wir haben heute den 29. Januar und ich empfinde den anfallenden Arbeitsaufwand durch Invasionen, wie ich sie liebevoll nenne, als gewöhnlich.

Die Offline-Menschen haben mich seltener um etwas gebeten, aber reagierten deutlich weniger positiv. Es kamen verständnislose „Warum?“s und schiefe Gesichter auf mich zu. Vor allem die Nichtselbstständigen fühlten sich vor den Kopf gestoßen, und auch eine gute Bekannte, die selbst enorm viel zu tun hat und ein Unternehmen leitet, hat auf meine Erklärungen, dass und warum ich „nein“ sage, nur verständnislos mit dem Kopf geschüttelt. Die Offline-Welt hat versucht, mich mit „mach halt eine Ausnahme“ und „dauert nicht lang“ zu überreden, und eine Diskussion dauerte sogar länger, als das Erfüllen der Bitte gedauert hätte. Trotzdem bin ich beim Nein geblieben.

 

Habt ihr eigentlich noch alle Latten am Zaun?!

Einige Menschen – und zwar die, von denen ich mir eingebildet haben, sie stünden mir näher als “irgendwelche Online-Leute” – reagierten gar nicht gut darauf , wenn ich mein „nein“ mit einem „weil ich das nicht möchte“ begründete.

Ich muss gestehen: Mit negativen Reaktionen habe ich gerechnet. Aber nicht mit diesem Ausmaß! Im Ernst. Ich habe Gespräche geführt, die echt unlustig sind. Die zeigen, wie sehr die Menschen auf mich als kostenlos arbeitendes Äffchen, als Profitbringende ohne Rückgrat zählen. Und wie wenig ich ihnen wert bin. Im Ernst, Leute. Chillt mal. Ich darf über meine Zeit selbst entscheiden. Und wenn ich mal keine Ausrede habe, die bezeugt, dass ich wirklich wichtige und dringende Dinge zu tun oder unverzichtbare Termine auf dem Plan habe und leider, leider nicht helfen kann, sondern einfach mal sage: „Nein, ich möchte heute lieber lesen“, chillen die Leute nicht. Sie fühlen sich in ihrem Wert reduziert. Als sei es mir wichtiger, Däumchen zu drehen oder Flusen aus meinem Bauchnabel zu popeln. Als sei mir genau das wichtiger als die komplette Person und als hätte ich sie degradiert, weil ich versuche, ein Privatleben zu haben.

Seht selbst, womit ich mich auseinandersetzen musste. Die Namen habe ich selbstverständlich verfälscht.

Montag, 22.01.2018:

Daniela: “Was machst du heute Abend?”
Kia: “Duschen, ‘ne Runde meditieren und dann Lesemarathon.”
Daniela: “Ah, gut, dann hast du also nichts vor. Dann kannst du ja [….], denn ich brauche [.-…] und das muss bis morgen früh ganz dringend […]”
Kia: “Sorry, aber nein. Ich möchte das nicht. Ich habe meinen Abend schon verplant.”
Daniela: “Aber du hast doch nichts Wichtiges vor! Nur duschen, meditieren und lesen. Das kannst du auch morgen machen.”
Kia: “Mir ist es wichtig. Ich nehme mir meine Zeit für mich und genieße den wohlverdienten Feierabend.”
Daniela: “Wir haben 20 Uhr.”
Kia: “Ja. Und ich habe etwa 8 Stunden gearbeitet. Nicht 10 oder 12 Stunden wie früher, aber trotzdem habe ich jetzt Feierabend.”
Daniela: “Ja, dann kannst du doch […]”
Kia: “Ich möchte das nicht.”
Daniela: “Aber bis morgen früh […]”
Kia: “Ich muss nicht jedermanns Probleme lösen. Bitte respektiere, dass ich bei meiner Meinung bleibe und meinen Feierabend mit etwas verbringen möchte, was für mich selbst wichtig ist.”

Daniela ist eine Freundin, die selbst selbstständig ist und ständig etwas um die Ohren hat. Sie bezeichnet uns als Freunde, und das würde ich eigentlich auch tun. Nach diesem Gespräch bezeichnete sie mich als egoistisch und redet bis heute nicht mehr mit mir, weil sie “wegen mir ihre Frist verpasst hat”. Ich versuche derweil, mich nicht schuldig zu fühlen, denn Montag Abend um 20 Uhr bei jemanden wegen einer ultra wichtigen Sache nach kostenloser Freundschafts-Arbeit anzufragen und einem dann die Schuld zu geben, dass man am Dienstagmorgen die Frist nicht eingehalten hat, – das ist nun wirklich nicht mein Problem und sollte mich nicht belasten. Dennoch vesucht sie, mir ein schlechtes Gewissen zu machen und erwartet meine Entschuldigung. Die Kia von früher hätte jetzt alles daran gesetzt, Daniela zu entschädigen.

Dienstag, 23.01.2018:

Fabian: “Ich brauche Hilfe in […]”
Kia: “Ich hab in zwei Wochen einen Termin frei, plan’ ich gerne ein! Meld dich doch zwecks Termin […]”
Fabian: “Ich dachte an heute oder morgen…”
Kia: “Wenns so dringend ist, erzähl mal, worum es geht”
Fabian: “[….]”
Kia: “Verstehe. Was hältst du von [grober Lösungsvorschlag], ich habe da eine Idee. Kriegen wir hin, keine Sorge. Ich erhebe aber einen Zuschlag für so kurzfristige Termine innerhalb von 24 Stunden.”
Fabian: “Zuschlag?! Wir sind doch Freunde! Ich hatte nicht vor, dich zu bezahlen.”
Kia: “Klar sind wir Freunde! Aber deswegen arbeite ich doch nicht kostenlos für dich. Das kann ich mir ehrlich gesagt einfach nicht leisten.”
Fabian: “Aber als du [persönliches Problem], war ich auch für dich da.”
Kia: “Als Freund warst du für mich da, ja. Danke dafür. aber das hat doch nichts mit dem Coaching zu tun?!”
Fabian: “Dann coache mich halt als Freundin.”

Ich höre es inzwischen an allen Ecken und Kanten des Internets. Grafiker und Designer zeichnen nicht mehr nur mal eben so kostenlos für ihre Freunde. Ich befürworte das sehr. Was mich unglaublich ankotzt, ist dieses Gefälligkeiten-Konto. Ich habe Fabian bei einem Umzug geholfen und nie erwartet, für diese zehn Stunden Schwerstarbeit mit mehr als einem Danke, einem Anteil am Kasten Herrenhäuser, der dabei verzehrt wurde und eine kurze Umarmung zu bekommen. Als er für mich da war, als es mir schlecht ging, hat sich bei ihm allerdings ein Konto eröffnet. Zwei Stunden seiner Zeit als Freund kosten also so viel wie das Coaching, das sich voraussichtlich (schätze ich mal) auf 110,00 € belaufen hätte. Fabian ist nicht wütend oder abweisend, aber ich habe das Gefühl, dass er mir nicht so schnell bei einem privaten Problem zuhören wird, ohne auf das unausgeglichene Gefälligkeiten-Konto zu achten. Ich weiß jetzt, an wen ich mich nicht mehr wenden werde.

Freitag, 26.01.2018:

Anfrage per Mail: Exposé-Coaching für Verlagseinreichung.

Antwort von mir: (sinngemäß) “Habe drübergelesen […]. Ich arbeite gerne mit dir daran, im Anhang ist ein Angebot.”

Antwort-Mail: “Über die Kosten muss ich noch nachdenken. Aber schick mir doch das Exposé mit deinen Anmerkungen zu, vielleicht helfen mir deine Anmerkungen so ja schon.”

Ein Exposé-Coaching kostet 250,00 €. Immerhin wird jeder Satz mehrfach durchgegangen und bis aufs Letzte perfektioniert, an den Verlag angepasst, die Kurzvita und das Manuskript unter die Lupe genommen, yada yada blah blah. Wenn ich nur Anmerkungen an ein Exposé klatsche, ist es noch immer ein Lektorat und benötigt einige Rückfragen. Und wenn ich es nur Korrektur lese, so ist das Korrekturlesen eine Leistung. Ich verstehe nicht, warum diese Kostenlos-Mentalität ausgerechnet bei mir so mega einschlägt. Übrigens hätte ich von Montag bis Freitag insgesamt etwas mehr als 520,00 € eingenommen, hätte ich jede “Kannst du mal eben”-Anfrage angenommen und mich dafür bezahlen lassen. Das macht ein Monatseinkommen von 2.250,00 € brutto. Oder auf Klartext: Ich wäre steinreich im Vergleich zu jetzt! Ich weiß, diese Dialogschnipsel stehen unter der Überschrift “Habt ihr eigentlich noch alle Latten am Zaun?”, aber ich muss mich allmählich fragen: Bin ich eigentlich total bescheuert, meinen ganzen Kontakten im vergangenen Jahr so viel geschenkt zu haben?

Samstag / Sonntag, 27. / 28.01.2018:

Familienmitglied: “Du musst Paul zum Geburtstag gratulieren.”
Kia: “Hab zu viel um die Ohren.”*
Familienmitglied: “Eine Mail dauert nur 15 Sekunden. Ein Anruf nur eine Minute. Aber muss jeder selbst entscheiden, was oder wer ihm wichtig ist.”
Kia: “Das hat nichts mit Wichtigkeit zu tun.”**
Familienmitglied: “[Vorwurf] Du hast keine paar Sekunden Zeit?! […] Versetz dich doch ein Mal in die Lage eines anderen, [emotionale Erpressung] […]”
Kia: “Was mir nicht gut tut, lasse ich derzeit konsequent sein. Damit müssen die anderen leben. […]”
Familienmitglied: “[…] Was ist so schlimm daran?”

*Da, seht ihr es? Wenn ich mich klein fühle, fang ich an, zu lügen. Ich sei so beschäftigt und hätte so viel, bla bla bla. Das ist nicht gut! In Wirklichkeit wollte ich nicht. Und das Nein-Sagen auf die Spitze treiben.
** sondern damit, dass ich nicht heuchlerisch an einem von 365 Tagen einen auf heile Welt machen und Paul anrufen will.

Gut. Ich sehe, dass manche Menschen einfach versuchen, mich zu verstehen. Aber ich fühle mich in meiner Willensentscheidung eingeschränkt. Vielleicht hat mich da die Vergangenheit zu sehr getriggert / geprägt, whatever. Jedenfalls frage ich mich, ob es so unnormal ist, einen Willen zu haben, ihn zu äußern und damit auf Akzeptanz zu stoßen? Ich will kein Bauarbeiter sein, und niemand drängt mich dazu. Aber wenn ich jemanden nicht zum Geburtstag anrufen oder gratulieren will, weil ich es nicht will, wieso muss das dann jemand Drittes interessieren? War ich zu hart? Dürfen andere Menschen über meine Zeit und meine Entscheidungen urteilen und mich formen? Habe ich die Pflicht, mich zu “benehmen”, weil es jemand von mir erwartet / voraussetzt? Ich habe das Experiment Nein-Woche mit einem unguten Gefühl abgeschlossen.

Dann wurde Montag.

 

Erkenntnisse des Nein-Sagens

Montag, der 29. Januar 2018. Die Nein-Woche ist vorbei.

Zweimal habe ich gesündigt. Meine buchmenschliche Freundin Babsi hat mich um etwas gebeten, was ich mit einem „ja, aber erst frühestens nächste Woche“ abgetan habe. Aber es ist Babsi, und ich mache es nicht sofort – daher verzeihe ich mir diesen Halb-Ausrutscher. Darüber hinaus ist sie bereit, mich zu bezahlen. Und das werde ich annehmen, wenn es über ein kurzes Denken und Sofortantworten hinausgeht. Blobfische halten zusammen, ihr kennt den Spaß 😉

Ein Mal habe ich tatsächlich “ja” gesagt. Eine Autorenkollegin bat mich um kurzen Rat. Sie ist die erste Testleserin von “Hanover’s blind”, berät mich aus Lust & Laune & Interesse an dem Thema und hat mir freundliche Kontakte ihrerseits vermittelt. Diesen Gefallen werte ich als fairen Leistungsaustausch; unter dem Motto “Eine Hand wäscht die andere” bin ich gerne bereit, ihr und anderen zu helfen, wo ich nur kann.

 

Aber was habe ich gelernt?

Es ist enorm schwierig für jemanden wie mich, der seit Jahren immer nur “Ja” sagt, allen hinterherrennt und sich selbst unter Wert verkauft, Haltung zu bewahren. Die Leute merken, dass sie mich nicht manipulieren können. Ein weiteres Highlight der Garstigkeit / der versuchten Manipulation:

Eine Nachricht an mich mit dem Inhalt: 2Hallo Kia, ich suche den Menschen in die, lebt der noch, oder ist es nur noch Geld, das bei dir Thema ist (...)"

Ist Geldverdienen so schlimm? Ist es so bösartig, von seiner Arbeit leben zu können? Und (in diesem besonderen Fall): Ist es so unmenschlich, nach Zahlungsverzug von neun Monaten (!) auf die Zahlung zu bestehen und weitere Schritte einzuleiten? Nein, ist es nicht. Nein, nein, nein! Ich lasse mir nicht reinreden. Ich weiß, dass das, was ich tue, für andere Geschäftsleute und Selbstständige vollkommen normal, beziehungsweise eigentlich noch viel zu freundlich ist.

Zu den Erkennntnissen des Nein-Sagens gehört übrigens auch ein Verlust.

Ich habe Gewicht verloren. Bei meiner Figur ist das etwas Gutes. Und auch so ist es etwas Gutes, denn ich habe plötzlich die Zeit gefunden, zum Sport zu gehen und das Training ernst zu nehmen, statt nur die Pflicht abzuarbeiten und sofort danach schnellstmöglich wieder zu funktionieren. Das Essen schmeckte leckerer, weil ich mir mehr Zeit zum guten und gesunden Kochen genommen habe, und ich gestehe, am ein oder anderen Feierabend war mir ein bisschen langweilig. Statt einer Stunde habe ich am Montag drei Stunden gelesen, statt bis halb elf abends mehr oder weniger sinnlos geschäftig zu sein, habe ich am Donnerstag einfach mal wieder Besuch gehabt und den Film “Halloween” geschaut (Michael Myers ftw!). Ich habe Zeit „verschwendet“ und mich beschäftigen müssen – und das habe ich in vollen Zügen genossen.

Um es kurz zu fassen: Wie geil ist das denn?!

 

Natürlich hat sich mein Arbeitspensum nicht nur durch das Nein-Sagen so sehr dezimiert. Ich habe generell auf einige Aufgaben und Arbeitsbereiche verzichtet und meine Projekte angepasst, dazu habe ich schon vor einigen Tagen geschrieben.

Sieben Tage „nein“ haben meine Lebensqualität gehoben und mir verdeutlicht, wie oft ich eigentlich um etwas gebeten werde. Ich habe mitgezählt. Insgesamt flatterten mir 42 Bitten über Twitter, WhatsApp, E-Mail oder das echte Leben zu.

Ich habe 40 mal „nein“ und ein Mal „später“ gesagt. Ein Mal habe ich “ja” gesagt. Das war mit einem Aufwand von etwa 3 Minuten verbunden.

Ich finde es unfassbar wichtig, dass ich lerne, zwischen Freundschaftsdiensten, dringenden Hilferufen und Mich-unter-Wert-verkaufen unterscheiden lerne. Aber ich bin erst seit einem Jahr selbstständig. Was kann man schon nach einem Jahr erwarten, wenn man aus einem Umfeld kommt, in dem man kleingehalten wird, mit einer Vergangenheit, in der man sich anzupassen hatte? Ich finde, ich bin auf einem guten Weg, eine gewisse Haltung zu etablieren. Meinen Wert kennenzulernen.

 

Fazit & Orientierung

Eigentlich finde ich es erstrebenswert, zu allen Gelegenheiten „ja“ zu sagen. Das kam auch im Interview mit Jana Tomy im Rahmen des literarischen Adventskalenders zum Vorschein (hoffe ich jedenfalls). Ich will weiterhin Chancen wahrnehmen, Neues entdecken, Buchmenschen helfen, und allein der massive Ansturm auf meinen „Testleser gesucht“-Tweet zeigt, dass Reziprozität kein Märchen ist. Trotzdem tut es gut, mal zu entschlacken und sich nur um sich selbst zu kümmern. Ich werde in Zukunft regelmäßig Nein-Tage in meinen Alltag einbauen.

Nun ist meine Aufgabe, aus dem rational gestarteten Extrem-Projekt eine Lebensweise zu entwickeln, die den Menschen gerecht wird, die mir wirklich etwas bedeuten. Ich brauche Balance und muss lernen, in mich hineinzuhören und herauszufinden, wann ein “Nein” in Ordnung und auch wichtig ist.

Fragen zu Artikeln von „Autoren an die Steuer“ könnt ihr natürlich gerne weiterhin stellen. Ich werde aber keine einzelnen Fälle bearbeiten (sowieso nicht! Ich bin keine Steuerberaterin.) und euch auch nicht persönlich zurückschreiben (es sei denn, ich habe akut und ausnahmesweise einfach mal Lust drauf). Sondern werde ich die Fragen und eure Situationen, sofern sie passen, in kommende Artikel einplanen. Scheut euch nicht, mich weiterhin um Gefallen zu bitten! Aber rechnet bitte mit einem „nein“, an das eine ehrliche Begründung angekettet ist, über die ich selbst entscheiden kann. Wenn ich dann doch einmal zusage, bin ich dafür mit vollem Einsatz und maximaler Zuverlässigkeit für dich da.

Wozu du auf gar keinen Fall “Nein” sagen solltest, sind die beiden Spenden-Buttons hier! Unterstütze mich und meine Arbeit mit einem monatlichen Betrag von weniger als einem Euro bei Patreon oder lass’ mir ein einmaliges Kaffee-Budget da 😉

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14 Gedanken zu „Nein – Wie ich eine Woche lang jede Bitte abschmetterte

  • Es freut mich, dass du so viel aus diesem Experiment mitgenommen hast! ❤️💪
    Ja sagen ist schön, Möglichkeiten zu ergreifen ist schön, aber gerade dann wenn es um die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden geht, muss man “Nein” sagen.
    Ich bin sehr stolz auf dich! 😘

  • Hey Kia,

    ich habe dein Experiment so leicht bei Twitter mitbekommen, da mich die letzte Woche zeitmäßig ebenso voll eingenommen hat. Ich finde es bemerkenswert, dass du diese Woche so gut durchgezogen hast. Ich bin selbst ein Mensch, der oft Gefälligkeiten macht, und immer wieder mal eben schnell etwas für andere tut. Auch mir fällt “Nein” sagen manchmal schwer. Hut ab und weiter so! 🙂

    Jen

  • Die Erfahrung mit dem Gefälligkeiten-Konto habe ich auch machen müssen.
    Meine Schwester ist leider so gepolt, wie der “Fabian”, den du hier erwähnst: Wenn ich nicht auf meinen Neffen aufpassen kann, während sie in der Uni sitzt und lernt (weil ich selbst für eine Klausur lernen muss oder sonst irgendetwas anderes zu tun habe – oder einfach keine Lust, für einen halben Tag Babysitten die zwei Stunden pro Strecke mit dem Zug zu ihr zu fahren), dann hat sie eine Woche später ganz automatisch und demonstrativ auch keine Lust, meinen Briefkasten zu leeren und die Blumen zu gießen, während ich im Urlaub bin.
    Aus dieser und viel zu vielen anderen Erfahrungen habe ich den gleichen Schluss gezogen wie du, wenn auch meine Umstände weniger extrem und nicht mit meinem Broterwerb verbunden waren: Nein zu sagen ist absolut okay und manchmal auch dringend notwendig.

    Ich finde es super, dass du so konsequent geblieben bist und freue mich für dich, dass du deine Ich-Zeit endlich wieder genießen kannst. Das ist SO viel wert!

  • Hallo Kia,
    das war sehr spannend zu lesen und hat mich auch zum Nachdenken gebracht. Für sich selbst und andere Grenzen zu setzen ist ungeheuer wichtig und gar nicht so einfach.

    Ich kann nicht behaupten, dass ich selber gut darin bin. Es hat mich Überwindung gekostet, auf Arbeit auf das Gleitzeitmodell zu wechseln, bei dem Überstunden nicht verfallen. (Dabei hat mein Chef überhaupt kein Problem damit, ganz im Gegenteil.) Es verursacht mir immer noch Schuldgefühle, wenn ich “Nein” zu den vielen Elternaktionen in der Grundschule sage.
    Dabei habe ich die perfekte “Entschuldigung”:Berufstätigkeit und Kindern. Da ist nicht mehr viel Spielraum.

    Viele Grüße,
    Ulrike

  • Hi Kia,

    das ist ein fantastischer Artikel. „Nein“ sagen ist etwas, das man eigentlich viel öfter tun sollte. Ich selbst mache das auch viel zu selten. Das muss ich jetzt langsam mal üben.

    Viele Grüß Lars

  • Toller Artikel!
    Ich habe in letzter Zeit auch wieder viel zu häufig Ja zu so vielem gesagt. Es wird Zeit nochmal das Nein-sagen zu üben 💪
    Schließlich möchte man mit seinen eigenen Projekten auch mal voran kommen. 😎

    LG

  • “Nein” ist ein vollständiger Satz und bedarf keiner weiteren Erklärung. Das sage ich manchmal im Stillen zu mir oder auch laut, wenn es mein Gegenüber wieder mal nicht versteht.
    Herzlichen Glückwunsch, dass Du diese Woche durchgehalten hast. Ich gehe davon aus, dass weitere folgen.
    Manchmal braucht unser Umfeld einfach etwas länger. Spannend fand ich es jedenfalls, zu lesen, welche Mittel versucht werden, um den Anderen zu einem “Ja” zu bringen. Teilweise bin ich da fassungslos.

  • Ich finde es toll das du sogar zu deiner Familie Nein sagen kannst. Gegenüber Freunden und Bekannten schaffe ich es gerade so, aber gerade die Familie ist noch eine wunde Stelle die ich einfach nicht schaffe.
    Deine Geschichte gibt mir Hoffnung das ich es vielleicht auch eines Tages schaffe, Nein zu Ihnen zu sagen. Also danke für dein Experiment! 😉

  • Ich bin gerade durch einen Retweet hier gelandet und habe jetzt glaub ich Krämpfe im Nacken vom vielen Nicken.

    Mir wurde zum Beispiel vergangene Woche angeboten den Samstag mit einem Lehrgang zu verbringen.. “alles schon bezahlt…bringt dich doch auch weiter…” waren die Argumente. Ich hatte jedoch meinen Samstag schon insofern verplant, als das ich einfach meine Ruhe haben wollte, weil alle kommenden Wochen mit Aktivitäten vollgestopft sind. Es herrschte völliges Unverständnis wie ich dieses total-super-duper Angebot ausschlagen könnte “nur” weil ich nen Samstag Ruhe wollte – mich um mich kümmern musste, weil ich sonst völlig fertig gewesen wäre und sowieso schon mit einer depressiven Phase kämpfe.

  • Ich bin durch Twitter zufällig auf deinen Beitrag gestoßen und finde ich einfach fabelhaft.
    Was du hier beschreibst erlebe ich bei mir leider auch viel zu oft.

    Es ist schon krass zu sehen, wie man Dialoge, die du führen ‘musstest’ leider wiedererkennt – besonders auf das Gefälligkeits-Konto bezogen.

    Ich möchte dir meine Bewunderung und meinen Respekt aussprechen, dass du nicht nur selbst so ein “Experiment” wagst, sondern auch deine Eindrücke und dein Fazit so ausführlich und offen teilst. Ich denke, es wird einige geben, die sich selbst mal fragen werden “Wie viel MUSS ich eigentlich machen?” und es auch jemanden gibt, der sich in der Position des Bedrängenden sieht und sein Verhalten und seine Ansichten dahingehend verändert.

  • Hallo Kia,

    ich finde es stark von dir, dass du das so konsequent durchgezogen hast!

    Heutzutage wird einfach zu viel zu schnell zur Selbstverständlichkeit. Traurig, dass man dann direkt negativ angegangen wird, wenn man die Leute darauf hinweist, dass die eigene Arbeit durchaus einen Wert hat. Coaching, Lektorat etc., das sind alles Dinge, für die man sonst auch (meist) zahlen muss, immerhin sind sie mit einer echten Leistung verbunden. Diese Kostenlos-Mentalität, die dann wieder zum Vorschein kommt, ist echt zum K*****…

    Ich wünsche dir, dass du daran festhältst, dir deine Zeit zu nehmen und wirklich “Nein” zu sagen, wenn du es denkst. Deine Zeit ist viel zu wertvoll, um sie mit unendlich vielen Aufgaben vollzustopfen und keine Zeit mehr für dich selbt zu haben. DU bist wichtig (und deine Zeit), lass dir das von niemandem ausreden! 🙂

    Liebe Grüße
    Sarah

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