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Save Our Souls – #24Autoren mit Barbara Weiß

Wenn seelenfressende Biester aus der Hölle ausbrechen, gibt es für die Menschheit nur eine Rettung: Die paranormale WG von Medium Victoria & Dämonenjägerin Dawn.

babsi

Save Our Souls

Der Wolkenkratzer machte seinem Namen alle Ehre, denn die Spitze des Gebäudes verschwand im Dunst, der seit Tagen über der Stadt hing. Die getönten, dunklen Scheiben in den oberen Stockwerken ließen kein Licht hinaus, umso greller war die großzügig beleuchtete Glasfront der Lobby und der simple Neon-Schriftzug des „Afarit Towers”. Sulaimans Unternehmen genoss hohes Ansehen, obwohl niemand so sicher war, ob es im Immobilienhandel, im Aktiengeschäft, als Dienstleister oder in der Pharmaindustrie tätig war. Wer die Unterwelt kannte, wusste, dass Sulaiman seine Finger wie ein meisterhafter Puppenspieler in vielen wichtigen Bereichen platziert hatte. So waren es seine Deals mit Eingeweihten in den Krankenhäusern, die Blutspenden und Organe für übernatürliche Wesen abzweigten. Im Gegenzug unterstützte er sie finanziell mit dem Geld aus geschickter Wirtschaftsspekulation mithilfe eigens abgestellter Hellseher. Außerdem hatte er in jedem Krankenhaus ein Team aus Heilmagiern und neueste technische Apparate gestiftet. Er war keine Person der glitzernden High Society, eher ein zurückhaltender Geschäftsmann, der aus dem Schatten heraus agierte und nur an den richtigen Fäden ziehen musste um einem das Leben entweder zu erschweren oder zu erleichtern. Das Halbmondlogo über den Eingangstüren leuchtete mystisch türkis. Dawn pfiff anerkennend, als Victoria einem Sicherheitsmann ihren Ausweis zeigte und sie gemeinsam den riesigen Komplex betraten.
„Sein Büro ist ganz oben”, erklärte Victoria, „Hallo Karen!”
Sie winkte der älteren, fülligen Dame mit den langen braunen Haaren am Empfang zu, die über Kopfhörer Musik zu hören schien. Widerwillig musste Dawn all ihre Waffen abgeben. Ihre magischen Tattoos kribbelten. Viele Bannzauber verhinderten den Einsatz magischer Geschosse oder nicht-materieller Waffen. Es war ein unbehagliches Gefühl unbewaffnet einem Hexenmeister gegenüber zu treten.
„Nimm das mit den Waffen nicht persönlich. Das ist Standard – wie die Bar, ist auch das hier ein neutraler, gewaltfreier Boden. Karen übrigens ist Telepathin, deswegen hört sie meistens Musik. Gedankenlesen ist ziemlich anstrengend, deswegen lenkt sie sich mit anderen Reizen ab. Wenn du nach neuen Heavy Metal Bands suchst, fragst du am besten sie”, erklärte Victoria.
Dawn nickte und sondierte die Umgebung mit großen Augen.
„Im Gegensatz zur Gilde der Jäger hat dein Boss wohl ziemlich viel Kohle übrig. Und subtil ist er auch nicht…”
Victoria zuckte nur mit den Schultern.
„Er ist sehr zurückgezogen, aber sein Klientel erwartet wohl von der Höhle des Löwen ein bisschen Prunk. Die Kuppel ganz an der Spitze, unter der sich sein Büro befindet, ist übrigens nach dem Mond ausgerichtet und kann sich drehen!”
„Okay. Gruseliger Scheiß! Hat er eine weiße Perserkatze auf dem Schoß, wenn er uns empfängt?”
Victoria grinste nur verschwörerisch, zog ihre Ausweiskarte durch den Schlitz am Gerät des Aufzugs und ließ Dawn den Vortritt. Im Inneren angelangt, drückte sie die Knöpfe für mehrere Stockwerke und legte anschließend ihre Hand auf das Glasfeld, auf dem das aktuelle Stockwerk angezeigt wurde. Dawn beobachtete misstrauisch, was ihre Mitbewohnerin tat. Dann setzte sich der Aufzug ruckartig in Gang.
Als Vic den skeptischen Blick ihrer Freundin erhaschte, grinste sie nur entschuldigend.
„Ach komm, er ist der mächtigste Hexenmeister der Stadt! Ein bisschen Hokuspokus muss sein.”
„Ich mag dieses gruselige Klimbim nicht so gerne. Kampfmagier sind mir lieber. Die schießen Feuerbälle um Vampire einzuäschern. Eindeutig. Ohne komische Formeln und Energien.”
Victoria seufzte laut.
„Magie ist Magie, jeder hat eine andere Begabung. Ich gebe zu, vieles ist zur Show, aber letztlich ist es immer dieselbe treibende Kraft.”
„Mhm”, machte Dawn abwehrend und ihr war unwohl. Es gelang ihr nicht das flaue Gefühl in ihrem Magen loszuwerden. Victoria wirkte zwar wegen Eric besorgt, aber nicht unsicher oder ängstlich. Dawn hatte bereits jahrelange Erfahrung in der Gilde der Jäger gesammelt, sie hatte mit seltsamen Alchemisten und schießfreudigen Pyromanten zusammengearbeitet. Viele schätzte sie inzwischen, dennoch konnte sie nicht anders, als ein wenig Skepsis mitzubringen. Vor allem mit mächtigen Magiern, die scheinbar durch keine übergeordnete Instanz kontrolliert wurden und schalten und walten konnten. Sulaimans Ruf, die Rätsel, die ihn umgaben, ließen ihn wirken wie eine schattenhafte Spukgestalt aus einem Horrorfilm. Wer sorgte dafür, dass er nicht eines Tages den Verstand verlor und die ganze Welt überflutete oder anzündete?
„Ich hoffe, Karen hinterlässt keine Fingerabdrücke auf meinen Schätzchen. Ich hab sie erst neulich geputzt. Ohne meine Waffen fühle ich mich ziemlich schutzlos! Das tue ich nur für dich, Vic.”
„Du klingst wie ein waschechter Amerikaner, der auf sein Waffenrecht pocht”, neckte Victoria sie mit einem Grinsen.
„Genau genommen sind hier vermutlich alle anderen bewaffnet… Allen voran dein dubioser Boss!”
„Gib ihm eine Chance. Er ist exzentrisch, aber er ist intelligent, fair und vernünftig. Und er zahlt gut! Immerhin finanziert er die Wohnung, hat die ganze Küche gekauft und alles sanieren lassen.”
„Die Gilde der Jäger zahlt auch genug, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Manche Aufträge sind richtig lohnenswert…”, murmelte Dawn und wippte von einem Fuß auf den anderen.
Victoria räkelte sich.
„Helft ihr nur Leuten, die euch für Aufträge bezahlen können?”
„Quatsch! Aber oftmals ist am Ende irgendein Monster tot. Viele tarnen sich als Menschen, dann wird fix was am Nachlass geschraubt”, meinte Dawn, „Wie viele Stockwerke sind das denn? Ich hatte eher ‘nen dunklen Keller erwartet! Irgendwie muss ich an den einen Film mit dem Aufzug denken, indem der Teufel in Wahrheit…”
„Dawn”, seufzte Victoria und warf ihr einen tadelnden Blick zu.
„Schon gut, schon gut!”
Entschuldigend hob Dawn die Hände und betrachtete sich dann in der verspiegelten Wand des Aufzugs. Sie zupfte ihr Oberteil zurecht und zog den Lippenstift nach. Wenigstens sah sie gut aus, wenn sie gleich einen Promi der Unterwelt treffen würde.
Die Aufzugstüren öffneten sich und während Victoria voran ging, streckte den Dawn vorsichtig den Kopf in den Flur und inspizierte die Umgebung. Das oberste Stockwerk unterschied sich deutlich von den sterilen Büroräumen in den unteren Etagen. Die Wände waren in dunkler Farbe gehalten, große Bilder zeigten verschiedene Szenen aus allerlei Mythologien. Sie erkannte Thors Hammer, als auch den Sündenfall von Eva und Adam, ebenso ein Gemälde, das offensichtlich griechische Götter zeigte. An Fußboden und Wänden schimmerten mystische Symbole fast durchsichtig. Überall standen Pflanzen und exotische Blumen, einige Töpfe hingen von der Decke. Ein herber Geruch von Sandelholz und Räucherstäbchen hing in der Luft.
„Das ist fucking gruselig hier! Ist dein Boss ein schwarzmagischer Hippie?”, platzte sie heraus, „Er zwingt dich aber nicht zu seltsamen Blutritualen oder verlangt, dass ihr in Vollmondnächten Babys schlachtet und eine Massenorgie veranstaltet?!”
Victoria drehte sich langsam um, seufzte sichtlich gereizt und strafte sie mit einem bösen Blick. Dawn klatschte sich auf die Wangen und folgte ihr.
„Tut mir leid. Ich habe viele schlechte Erfahrungen mit Magie gemacht.”
„Sag’ sowas einfach nicht vor Sulaiman. Wie gesagt, er ist ein bisschen exzentrisch und nicht gerade für seinen Humor bekannt”, sagte Vic und klopfte an der massiven Bürotür aus dunklem Eichenholz, die mit Kreidezeichnungen übersäht war.
Victoria wusste, dass ihr Chef nicht gerade wirkte wie ein Unschuldslamm, er war ein Mysterium. Aber seine Seele strahlte Besonnenheit und Weisheit aus. Für die Verhandlungen mit anderen Hexenmeistern, Vampirfürsten und sogar Dämonen und Teufeln, war es vermutlich unverzichtbar auch durch eine geeignete Einrichtung deutlich zu zeigen, welches Wissen und welchen Rang er innehatte.
„Aber diese grotesken, voll krassen Masken da hinten, jetzt mal ganz im Ern-”
Die Türen schwangen auf und Victoria war dankbar, dass Dawn davon unterbrochen wurde.

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