Ich gestehe es der Öffentlichkeit nur sehr ungern. Aber es ist wahrhaftig passiert. Ich bin nach der Messe zusammengeklappt. In Tränen ausgebrochen. War total im Arsch. Aber so richtig, richtig schlimm.

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Mein Messeblues war, so wie die Leipziger Buchmesse und das Risiko, Ausstellerin zu sein, der erste, den ich erlebte. Inzwischen habe ich mich eingekriegt, die Messe ist eine Woche her. Und doch erinnere ich mich noch sehr genau daran, warum es mir so mies ging.

Die Ursache für den heftigst geilen Messestand waren die BartBroAuthors. Auch wenn es Stimmen gibt, die dieses und jenes vom Verein anzweifeln und es inzwischen auch einige Ausgetretene gibt, die davon überzeugt sind, dass der Verein nicht das Richtige für sie oder Person x und y war, bin ich auf der Messe gewissermaßen in meiner Familie angekommen.

Die BartBroAuthors sind, so wie auch die nun Ausgetretenen – da wird sich nichts dran ändern – Leute, die ich persönlich und schriftlich kennenlernen durfte. Die meisten zunächst nur schriftlich. Dann waren sie mehr oder weniger so wie vorgestellt und wir haben uns blendend verstanden. Ich habe jede einzelne Sekunde genossen.

Sei es in den raren Pausen an der frischen Luft mit Elyseo da Silva oder Jens van der Kreet oder nachts in Pubs und Kneipen mit Rena aka Nika Sachs und den ganzen anderen. Ohne Lars Kattge hätte ich den Stand weder auf- noch abbauen können und ohne die BBA wäre alles nur halb so cool geworden. Klar, es ginge auch ohne, aber ich wollte die Kirsche auf der Sahne und habe sie bekommen.

Abgesehen davon, dass ich vor etwas mehr als einer Woche noch auf der Messe stand und bei Nachfragen nach meiner Ausbildungssituation und Zukunftsplänen einfach nur sagen konnte: “Ich will das hier. Genau das. Und nichts anderes”, haben die Menschen diesen Ort und diese Arbeit für mich zu dem Erfüllenden gemacht, was ich wirklich will. Und zwar auf Dauer. Ich bin also zu Hause angekommen.

Und bei der Abreise aus Hannover (das wusste bisher fast niemand) habe ich mein Medikament vergessen. Auf der Lesung am Freitag habe ich dem Publikum noch strahlend erzählt, dass ich Depressionen habe. Und war stolz darauf, mich so zu präsentieren. Glücklich, erfüllt und ausgelassen, trotz Depression. Ohne Fluoxetin streifte ich zu diesem Zeitpunkt also schon vier Tage auf kaltem Entzug durch die Hallen (oder eher: Halle 5 😉 ) und dachte, meine Depression sei weg.

Wozu sollte ich auch das Medikament nehmen? Es lag in Hannover, für einen Arztbesuch hatte ich während des Messetreibens keine Zeit und mir ging es Tag für Tag besser.

Dann bröckelte meine Stimmung ein bisschen, als der Freitagabend anbrach. Ein Gespräch mit einem guten Freund beim Pub-Abend der BartBroAuthors hatte mich verletzt. Ich reagierte innerlich über, äußerte dies nach außen nur damit, dass ich mal den Sitzplatz wechselte und mit lieben anderen Menschen sprach. War kein Ding, ich war nur überempfindlich.

Schnell kamen Energie und Euphorie zurück und hielten dann doch bis Sonntag früh an. Es kam allerdings zu einer kleinen Zankerei, die nicht schlimm gewesen wäre, wenn ich nicht wieder kurz vorm Heulen gewesen wäre. Keine Ahnung, warum. Wir haben uns nur angekeift, weil besagter Freund und ich angespannt, gestresst und unpünktlich waren. Unser beider Pläne schienen nicht perfekt hinzuhauen und das musste kurz raus. Dann ging alles wieder. Ein gesunder Streit also.

Sonntagabend aber, nachdem ich den Besuch zum Essen in der Ferienwohnung verabschiedet habe, kam die Depression.

Ich habe nicht mit ihr gerechnet.

Und so habe ich gedankenverloren gelitten. Gezittert, geweint. Nichts ging mehr. Es war grauenhaft. Wieder einmal kam dieses Gefühl von “so schlimm war es noch nie” – das Gefühl habe ich immer, wenn es mir so richtig mies geht.
Als dann die Erkenntnis kam, dass ich auf kaltem Entzug war, konnte ich lachen – wohlgemerkt unter all den hässlichen Tränen und dem Schniefen. Ich habe humorvoll geweint. Mach mir das mal einer nach!

Glücklicherweise war ich nicht allein. Der Abend klang irgendwie aus. Er war nicht gut, aber ich konnte mich einkriegen.

Wie eine dunkle, schwere Wolke, die meine Gedanken besetzt, schloss etwas in meinem Hirn kurz. Schnell eine Schlinge um die Kehle geschnürt, sodass ich einen dauerhaften Kloß im Hals hatte und Gewicht auf mein Herz gelegt und weg war sie, die Attacke. Was blieb, war Depression.

Jetzt ist Zeit vergangen. Es ist Gras über die Sache gewachsen. Ich vermisse viele Leute schrecklich und frage mich, warum meine Füße von einem auf den anderen Tag plötzlich wieder fauler geworden sind. Zehn Kilometer am Tag laufen ist nicht mehr so einfach wie auf der Messe. Auch Networking funktioniert nicht so easy, spreche ich doch im Alltag eher mit Selbstständigen im Allgemeinen und nicht speziell mit Leuten aus der Branche.

Etwas leichter macht mir meine Situation meine Reisen. Ich bin nämlich unterwegs.
Ich habe mich mit Dean in Hamburg getroffen und werde voraussichtlich bald mit Timon die Stadt unsicher machen. Danach, zum krönenden Abschluss des Aprils, geht es nach Frankfurt zu Rena.

Glücklicher kann ich eigentlich nicht sein. Aber irgendwo ist dieses “aber”. Und dieses “aber” ist klein, weiß und rund. Es muss immer bei mir sein.
Ich bin abhängig von Fluoxetin. Ohne diese Pille kann ich nicht gesund sein. Da ich nach sechs Monaten (!) als Dringlichekitsfall (!!!) in Hannover keinen Therapeuten gefunden habe, therapiere ich mich nun also selbst. Indem ich in der Weltgeschichte rumreise.
Ohne Finanzen.
Ohne Ziel.
Irgendwie.

Meine Freiheitsmotivation ist dabei ähnlich groß wie die Machtmotivation. Ich will frei sein und die Macht haben, mir mein Leben selbst zu gestalten. Wenigstens ein halbes Jahr, bis es im Herbst wieder kalt wird.

In der Hoffnung, dass ich mich selbst therapieren und das kleine, weiße Pillchen langsam schleichend, und diesmal dann richtig, absetzen kann.

kia_kahawa

Kia mit Reizhustentee* (und Reizhusten).

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