Autorenleben

Bücher sind Gift.

14. November 2018

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Bücher sind Gift.

Nachdem ich einen Druckkostenzuschussverlag getrollt habe, einen Nachruf auf mein Buch verfasst habe und mit meinem Artikel zum Thema “Nein-Sagen” mehr als 4.000 Leute in einer Woche erreicht habe, habe ich ein bisschen… äh… Spaß am Clickbait gefunden. Daher steht dieser Artikel unter dem Titel: Bücher sind Gift.

Bevor du jetzt glaubst, ich verteufele das Lesen oder schmeiße meine Autorenkarriere hin, möchte ich das Fazit vorwegnehmen, um nicht deine Zeit zu verschwenden: Bücher sind Gift, ja. Aber: Die Dosis macht das Gift. Ich liebe Bücher, ich lese gerne. Aber ich tue es zu viel, und habe das auf unangenehme Weise gelernt. Die Folge meiner Erkenntnisse ist: Ich werde weniger lesen, um besser zu schreiben.

Hast du nur das wissen wollen, freue ich mich, deine Zeit gespart zu haben. Willst du wissen, wie es dazu kam, inwiefern mir das Lesen belletristischer und auch sachlicher Bücher geschadet hat und welche Learnings ich für mich und dich mitnehme, lies’ gerne weiter.

 

Mein Lesejahr 2018

2018 hat sich schon jetzt, Mitte November, total gelohnt. Ich habe den absoluten Luxus erfahren, viele Bücher lesen zu können. Alle haben mich mit Freude erfüllt. Entweder waren sie so gut, dass sich jede Sekunde, die ich mit dem Buch zugebracht habe, lohnenswert war. Oder die Bücher waren so schlecht, dass die Rezensionen auf unserem Buchblog (Weltenbibliothek) an Comedy-Texte grenzten.

Bis heute habe ich in diesem Jahr 16 Sachbücher und 31 belletristische Titel zu Ende gelesen. Das ist ein enormer Schnitt, hatte ich doch 2017 noch das Problem, mit Belletristik nicht klarzukommen. Ich habe im letzten Jahr ausschließlich Sachbücher gelesen, vorrangig zur persönlichen Weiterentwicklung. Belletristik erschien mir in der Hochsaison meine Arbeitssucht als Zeitverschwendung. Ich habe mir vorgenommen, vor allem durch meinen Buchblog regelmäßig mehr von dem zu lesen, was ich selbst gerne schreiben würde. Heißt: Dystopie, Utopie, Science Fiction und Entwicklungsromane.

 

Die besten Bücher des Jahres

Absolut genial waren dabei folgende Bücher:

  • Scythe von Neal Shusterman, mit all den Plottwists und dem genialen utopischen Weltkonstrukt. Ein Hoch auf künstliche Intelligenz, die Ethik des Sterbens und die krasse Entwicklung der Charaktere.
  • Der lange Weg zu einem zornigen Planeten von Becky Chambers. Die erste Science Fiction mit Raumschiffen, die ich je gelesen habe. Der Plot hinkt, die Beziehungen und Charaktere sind großartig. Ich bin verliebt in jede Seite, jeden Charakter – und in die KI.
  • Ich bin viele von Dennis E. Taylor. Wieder Science Fiction, wieder Raumschiffe. Absolut dystopisch-utopisch, weckt und sättigt die Neugier nach dem Unendlichen zugleich und fasziniert durch erschreckend gute Recherche des Autors.
  • Der Zwillingseffekt von Tal M. Klein. Als wäre es wahr, überzeugt dieses Zukunftsszenario über einen versehentlich geklonten Teleportationspassagier mit jeder Seite.
  • Daniel is different von Wesley King ist leicht zu lesen, spannend und inspiriert mich hinsichtlich meines Jugendbuch-Projekts. Es geht um Zwangsstörungen, ein für mich sehr spannendes Thema.
  • Nachruf auf den Mond von Nathan Files. Das Buch hat mir gezeigt, wie viel Arbeit ich noch in “Irre sind menschlich” stecken muss, bevor mein Verlag es auf den Buchmarkt werfen kann. Die Psychiatrie-Geschichte rund um einen traumatisierten Psychotiker ist stilistisch gut gemacht und hat trotz der Tagebuch-Form extrem viele Facetten.

 

Vom ge- oder zerstörten Schreiben

All diese Bücher haben mit mir einiges gemacht. Derzeit bin ich dabei, den “Abschalter” (dystopische Utopie) zu beenden, “Zwei Seelen” (Jugendbuch / Mobbing) zu überarbeiten und das Lektorat von “Irre sind menschlich” (Psychiatrie-Roman) im Verlag durchzunehmen. Dazu dachte sich Vergangenheitskia, es sei der richtige Zeitpunkt, mit “Dreamcrash” (Dystopie) zu beginnen. Und, wie soll ich’s sagen? Kein einziges Buchprojekt läuft richtig gut.

Woran es liegt, habe ich inzwischen herausgefunden.

Ich möchte so tief zerstörte Charaktere wie Nathan Filer sie schreibt. Sie sollen Beziehungen zueinander haben, die so überzeugend und mitreißend sind wie die von Becky Chambers. Der Plot soll so überwältigend sein wie die von Neal Shusterman. An den Stellen, an denen ich Shusterman zu voraussehbar finde, möchte ich eine Prise Dennis E. Taylor hinzugeben. Die Leser sollen mein Buch so verschlingen wie den Zwillingseffekt von Tal M. Klein, und das Buch sollte am Ende eine Lehre haben, wie Wesley King es seinem “Daniel is different” eingeflößt hat.

Kurz: Ich möchte das eierlegende Wollmilchbuch.

Nun stell dir vor, du setzt dich an den Schreibtisch in der Bibliothek, klappst den Laptop auf und willst zu schreiben beginnen. Es ploppen sofort 126 Fenster auf. 126 Regeln, 126 Schreibtipps, 126 Do’s und Dont’s. Beachte sie. Alle. Vom ersten Wort an.

Ich bin so begeistert von meinen Lieblingsbüchern des Jahres, dass ich ihnen nacheifern möchte. Das ist für Schriftsteller auch gar nicht schlimm. Jeder guter Autor hat einen Mentor und mindestens ein Vorbild. Aber ich habe mich so sehr verbissen, dass mein Schreiben keine weite Welt ist, bei der ich mich ausprobieren kann. Ich biege nicht mehr links ab und teste etwas aus. Es ist vielmehr ein Drahtseilakt. Eine Linie, der ich folgen muss. Weil ich allen erdenklichen Tipps folgen möchte, glaube ich zu wissen, was nicht funktioniert. Also vermeide ich es und wage nichts mehr.

Die Bücher haben mich vergiftet.

 

Wie man mit Gift umgeht

Gift ist etwas, womit man heilen und töten kann.

Fliegenpilze, Muskatnuss, Botox, Nikotin: In gewissen Dosen sind all diese Stoffe tödlich. In kleinen Dosen sind sie konsumierbar.

Um für die Weltenbibliothek möglichst regelmäßig gute Rezensionen zu verfassen, habe ich für meine Verhältnisse echt viel gelesen. Ich weiß, dass diesen Artikel viele Buchmenschen lesen, die 50 – 100 Bücher im Jahr lesen. Jedoch geht es für mich um meine persönlichen Maßstäbe. Von 0 auf 31 ist schon eine gute Nummer. Zumal die Weltenbibliothek bisher jede Woche zwei Rezensionen veröffentlicht und an jedem Buch ein bisschen auch ein “To Do” klebt.

Ich schätze, die Dosis war zu groß für mich. Und ich habe die meisten Bücher eher verschlungen, statt sie genüsslich zu verspeisen und mich an ihren Eigenheiten zu erfreuen. Analysiert habe ich kein einziges von ihnen. Vielleicht brauche ich eine gewisse Tiefe, muss in die Dinge eintauchen, die ich oben als besonders gelungen an meinen Lieblingstiteln finde.

Aber die Bücher, die mich begeistern, sind nicht das einzige Gift. Ich schätze, auch meine Buchprojekte selbst sollte ich mit Vorsicht genießen. In verschiedenen Stadien bearbeite ich eine Dystopie, ein Jugendbuch und einen Psychiatrie-Roman. Dreamcrash habe ich auf 2019 verschoben.

Das ist kein Tipp für dich, es ist eine Selbsterkenntnis. Für mich funktioniert es so, dass ich ein Buch nach dem anderen schreibe. Klar, im Prinzip ist es toll, vom einen Buch prokrastinierend ins andere Buch einzutauchen und somit schnell voranzukommen. Aber zu viele Eisen im Feuer können dich verbrennen.

 

Mein neuer Umgang mit Büchern

Seit der Frankfurter Buchmesse gehe ich anders mit meinen Projekten um. Ich bin erst im dritten Jahr meines Achtjahresplans und muss nicht so hetzen. Etwas schmerzlich ist, dass ich im kompletten Jahr 2019 wohl kein neues Projekt beginnen werde. Die “offenen Vier” werden mich vereinnahmen. Dann lasse ich Qualität vor Quantität walten und arbeite am großen Erfolg, statt lediglich auf Erfolg zu hoffen.

Kein NaNoWriMo für mich. Kein schnelles Schreiben. Eine Szene am Tag genügt.

Lesen werde ich weiterhin. Mein SuB ist von 36 Büchern auf über 60 gewachsen. Ich möchte keine Lesenächte verbringen, in denen ich exzessiv lese, um schnell bald das nächste Buch genießen zu können. Und den SuB zu verringern, das muss kein Ziel sein. Kein Wettkampf. Die Weltenbibliothek verringert ihren Rezensions-Turnus auf nur ein Buch pro Woche. Der Druck ist weg, und ich werde mir endlich den Luxus gönnen können, Bücher nach dem Lesen stellenweise richtig zu analysieren. Das macht aus 126 Pseudo-Regeln vielleicht einen strukturierten Katalog von zehn goldenen Regeln für meinen persönlichen Stil.

Ob und wie ich Szenenanalysen verbloggen kann und darf, steht in den Sternen. Es wäre wirklich interessant, aber allein das Bloggen könnte wieder neuen Druck aufbauen. Daher lasse ich es bleiben und mache weiter wie bisher. Dieser Blog wird belebt, sobald ich etwas Relevantes habe. Und das Schreiben macht mir seit Anfang der Woche Spaß wie nie zuvor.

 

Wie sieht’s bei dir aus? Schreibst du an mehreren Projekten gleichzeitig? Befasst du dich mit einem nach dem anderen? Leidest du unter einem Genre-Mix wie ich in dieser Übergangsphase von Entwicklungsroman zur Phantastik? Ich bin dir für deine Erfahrungen, Tipps und sonstige Gedanken dankbar. Teil sie mit uns in den Kommentaren!

Kia (*1993) produziert. Gedanken mit Menschen teilen - ob als Blog, Roman, Zeichnung, Musikstück, Sachbuch oder Hörspiel - das ist es, was am Produzieren so fasziniert.
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