Ich glaube, dass ich eine schlechte Chefin bin. Nein, ehrlich gesagt weiß ich, dass ich eine schlechte Chefin bin. Und genau darüber möchte ich heute schreiben. Ich gebe dir einen Einblick in meine Führungsqualitäten und versuche anhand von drei Punkten zu argumentieren, weshalb ich keinen guten Chef abgebe.

Die Definition der „schlechte Chefin“

Eines vorweg: Es gibt ihn, den cholerischen schlechten Chef aus dem Bilderbuch. Ich habe selbst für so ein Exemplar gearbeitet. Er schrie Mitarbeiter an, wenn er schlechte Laune hatte, man musste sich, sobald er über den Flur ging und in deine Nähe kam, auf alles einstellen. Als Auszubildende im ersten Lehrjahr habe ich damals sein persönliches Urinal geputzt, und mein Kollege, der nicht auf die Minute pünktlich den Müll ausgeleert hat, bekam den ekelhaften Müllbeutel auf den Schreibtisch gepfeffert.

Diese Ungetüme von Vorgesetzten bezeichne ich nicht als „schlechte Chefs“, sondern als Monster. Oder, um etwas gnädiger zu sein: Therapiebedürftig. Solltest du für eine solche Person arbeiten, dann renn weg. Es gibt keinen Grund, sich mit so jemandem im selben Unternehmen zu befinden. Punkt.

Ich möchte den Begriff der „schlechten Chefin“ für diesen Artikel so definieren, dass es hier wirklich um eine Führungspersönlichkeit geht, die ich seit Oktober 2021 bin. Es geht um jemanden mit Verantwortung, mit einem Team. Es geht darum, gemeinsam zu arbeiten, zu kommunizieren, am selben Strang zu ziehen. Die Werte und Ziele meines Unternehmens stimmen zu gewissen Teilen mit denen meiner Mitarbeiterinnen überein – und dennoch halte ich mich für eine schlechte Chefin. Einfach, weil ich noch nicht gut bin. „Schlecht“ ist hier ganz simpel ausgedrückt das Gegenteil von „gut“. Nicht „bösartig“ oder „hoffnungslos“ oder „gescheitert“ oder „grausam“.

Warum ich eine schlechte Chefin bin

Ich sehe mindestens drei Punkte in meiner sehr jungen Karriere als Chefin, an denen ich Schwierigkeiten habe. Und während ich diese Zeile schreibe, fällt mir schon der vierte ein, den ich hiermit vorwegnehmen möchte: Ich bin Anfängerin. Auf dem ersten Arbeitsmarkt ist es üblicherweise so, dass man erst eine Ausbildung macht oder etwas lernt – ob akademische Ausbildung, Selbststudium oder als Quereinsteiger ist hier egal –, und wenn man das erlernt hat, arbeitet man in dem Bereich.

Als Selbstständige und Unternehmer*innen, die ihr Business langsam und aus eigenen Kräften aufbauen und sich alles frei beibringen (lassen), sieht das meist anders aus. Oder: In meinem Fall sieht das anders aus. Ich bin Chefin geworden und habe erst zu dem Zeitpunkt begonnen zu lernen, wie das denn so ist mit Führungsverantwortung. An dieser Stelle kann ich schonmal sagen: Ich bin eine schlechte Chefin, weil ich eine Anfängerin bin.

Ja, richtig gelesen: Anfänger sind schlecht. „Schlecht“ ist nichts Böses, es ist einfach eine realistische Einschätzung der Fähigkeiten. Gib mir ein Einrad und ich versuche das erste Mal in meinem Leben, Einrad zu fahren – du wirst erstaunt sein, wie schlecht ich darin bin. Sprüche wie „Es ist kein Meister vom Himmel gefallen“ oder Tatsachen wie die, dass ich durchaus lernfähig und -willig bin, ändern nichts am Status quo.

Kommen wir also zu meinen drei Argumenten, weshalb ich eine schlechte Chefin bin.

Ich krieg‘ das mit dem Kommunizieren nicht hin

Das Vier-Augen-Modell von Schulz von Thun hängt mir aus mindestens vier Ohren und Hälsen raus. Du weißt schon, diese Sache mit der Sachebene, der Appellebene, der Beziehungsebene und der Ebene der Selbstauskunft.

Kommunikation fiel mir schon immer schwer, und dieses bekannte Kommunikationsmodell, nach dem jede Aussage zugleich vier Aussagen auf den genannten Ebene ist und durch eines von vier verschiedenen Ohren gehört werden kann, hilft mir nicht, besser zu kommunizieren. Es hilft mir eher dabei zu verstehen, warum ich Kommunikation so schlecht kann. Ich kommuniziere immer auf der Sachebene. Immer. Und ich erwarte von meinen Mitmenschen, dass sie auch nur auf der Sachebene hören – und sprechen.

Also bin ich unempfänglich für alle Nuancen des gesprochenen und geschriebenen Worts. Steht da „wenn du meinst, ok“, dann heißt das für mich: „Wenn du das, was du obenstehend geschrieben hast, so meinst, wie du es geschrieben hast, dann ist das okay [für mich]“. Für andere kann diese Aussage aber je nach Kontext ironisch, abweisend, abwertend, arrogant oder provokant wirken.

Ganz ehrlich? Ist mir zu viel Aufwand. Hasse ich.

Das dachte ich früher, als ich noch Soloselbstständige war. Jetzt, wo ich mit meinem Team täglich eng miteinander und zum Teil auch gleichzeitig an denselben Projekten arbeite, weiß ich, dass ich Nachholbedarf auf dem Feld der Kommunikation habe. Und da kommen wir auch schon zum zweiten Argument:

Die Sache mit den Entscheidungen

Als Chefin treffe ich die Entscheidungen. Meine Aufgabe ist es, diese Entscheidungen konkret zu treffen und es nicht immer jedem recht machen zu wollen. Und da kommen meine Persönlichkeit und meine Erziehung ins Spiel. Ich bin ein initiativ-dominanter Persönlichkeitstyp. Und in der Kindheit wurde mir immer gesagt, ich sei zu dominant. Ich müsse die anderen Kinder immer nach ihrer Meinung fragen und ihren Einwänden eine faire Chance geben. Also habe ich das gelernt – aber so richtig. Es wirkt sich bis heute auf.

Selbst, wenn wir unter Zeitdruck stehen und eine schnelle und klare Entscheidung her muss, selbst, wenn ich die weltbeste Idee für die aktuelle Situation habe, rede ich mich um Kopf und Kragen. Denn ich habe ja das Vier-Augen-Modell gelernt und auch, dass es etwas Schlechtes ist, dominant zu sein. Also steht da die Chefin, will eigentlich eine Entscheidung treffen und fängt dann an, die Sachebene mit Kleinigkeiten rund um die Beziehungs-, Appell- und Selbstauskunftsebene aususchmücken, überlegt, wie die Aussage falsch interpretiert werden könnte, formuliert also die exakt gleiche Sache am besten in drei unterschiedlichen Wegen hintereinander weg und relativiert die eigene Aussage dann noch mit Rückfragen, ob es bessere Ideen gebe, ob es meinem Team-Mitglied denn passt, wenn wir das so machen … und dann ist der Tag vorbei.

Kann man als Arbeitnehmerin so arbeiten? Ich denke, dass das ein Aspekt ist, der die Zusammenarbeit mit mir erschwert. Und das führt mich auch schon zu meinem dritten Argument, weshalb ich eine schlechte Chefin bin:

Selbstbewusstsein, Selbstwert, Selbstwahrnehmung, Ehrfurcht.

Die ganzen „Selbst“-Themen sind bei mir noch nicht ausgereift. Ein Team gut führen kann, wer sich selbst gut führen kann. Und dann habe ich bei meinen Angestellten im Hinterkopf, dass in deren Lebenslauf andere Unternehmen stehen. „So richtige Unternehmen“, wie ich es mir selbst immer noch sage: Mit CEO und Firmengebäude und Hierarchie und allem drum und dran.

Irgendetwas in mir ist noch nicht soweit, Kia Kahawa als das Unternehmen anzusehen, das es in den letzten Jahren geworden ist. Und das gilt auch für mich. Ich erstarre eher ehrfürchtig davor, dass sich meine Mitarbeiterinnen dazu entschieden haben, ausgerechnet für mich zu arbeiten. Dass sie mir ihren Lebensunterhalt anvertrauen (den ich schließlich bezahle). Was ist das bitte für ein riesiges Vertrauen?! Und: Was ist das bitte für eine riesige Verantwortung?! Wow.

Ich kann es ehrlich gesagt immer noch kaum fassen, wie weit Kia Kahawa gekommen ist. Dass aus einem Autorenpseudonym ein Unternehmen geworden ist, dass aus mir eine Unternehmerin geworden ist. Und ich muss sagen, ich freue mich darauf, in einem Jahr diesen Artikel noch einmal zu lesen und mein Zukunfts-Ich mit diesem heutigen Ich zu vergleichen.

Sicher werde ich eine richtig gute Chefin. Daran habe ich keinen Zweifel – denn der Weg zur Exzellenz beginnt mit dem ersten Schritt. Und dieser Blogartikel ist meiner Meinung nach schon der zweite Schritt, denn ich habe Bereiche ermittelt, auf die ich mich konzentrieren möchte. Bereiche, in denen ich mich schon seit dem 10. Dezember aktiv fortbilde.

Dieser sehr persönliche und ehrliche Blogartikel zeigt, was in mir so vorgeht, wenn ich über das Chefsein nachdenke. Ich finde, davon gibt es viel zu wenig.

Das Internet und einschlägige Blogs richten sich in gefühlt 80 % der Fälle an Arbeitnehmer, die ihrem Chef gefallen, ihre Arbeitnehmerrechte kennenlernen und eine Work-Life-Balance herbeizaubern sollen.

Weitere 20 % richten sich an Führungskräfte, die total toll sind in dem, was sie tun und souverän auftreten, professionell führen und effizient ihre Umsätze steigern wollen.

Und dann gibt es diesen Artikel.

Der passt nirgends so richtig rein. Oder: Passt er in beide Kategorien? Das kannst vermutlich nur du mir beantworten. Das kannst du gerne in den Kommentaren machen.

Alles Liebe,

Kia



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