Ich habe mich durch ein paar Studien rund um das Thema Zeit und subjektive Zeitwahrnehmung gewühlt und ein bisschen über unser Gehirn gelernt. Meine Erkenntnisse stelle ich dir in diesem Artikel in Kombination mit meiner Drei-Arbeitszeiten-Methode vor.


Wie schnell unser Gehirn Zeitwahrnehmung adaptiert

Der Neuropsychologe Douglas Cunningham von der Universität Tübingen hat Teilnehmer in einen Flugsimulator gesteckt. Im ersten Durchlauf funktionierte alles normal, es gab eine normale Fehler- und Unfallquote. Im zweiten Durchlauf haben die Flugzeuge mit einer Verzögerung von zwei Zehntelsekunden reagiert.

Die Studie hat ergeben, dass die Unfälle zunächst zugenommen haben. Die Gehirne der Probanden haben sich aber an die Verzögerung gewöhnt. Nach einer Zeit kam es den Leuten so vor, als sei die Steuerung völlig normal. Die Joystick-Verzögerung wurde für den letzten Durchlauf wieder verändert. Alles war wieder normal.

Aber es fiel den Teilnehmern dann plötzlich schwer, unfall- und fehlerfrei zu fliegen. Es kam ihnen vor, als würde das Flugzeug reagieren, bevor sie den Joystick bewegen. Die Handbewegung war durch das Gehirn so verzögert, dass sie jetzt mit diesem Gewöhnungseffekt das Gefühl hatten, dass das Flugzeug per Gedankenübertragung reagiert, bevor eine manuelle Tätigkeit ausgeführt worden ist.

Ist das nicht spannend? Unser Gehirn rechnet Ereignisse, die sich zwischen einer und drei Sekunde begeben, in einen Moment zusammen. Nur so können wir einen simultanen Moment wahrnehmen. Und das Gehirn adaptiert enorm schnell, was neu ist.

Im Grunde geht es in dieser Studie und den Schlüssen daraus um unser Arbeitsgedächtnis. Um den RAM-Speicher unseres Gehirns.

 

Subjektive Zeitwahrnehmung am eigenen Leib spüren

Der Sozialpsychologe Robert Levine hat in den 90er-Jahren Menschen aus Millionenstädten wie New York oder Berlin untersucht. Es kam heraus, dass die Stadtmenschen im Durchschnitt etwa doppelt so schnell sprachen, auf Dinge reagierten und sich bewegten wie griechische Bauern.

Das kenne ich auch aus dem Urlaub: Eine Woche ohne Bildschirm, Nachrichtenübertragung und Internet. Nur Natur, Dorfleben, Bewegung, Wahrnehmen, unterwegs sein. Der Bus, der nur drei Mal am Tag fährt, kann gerne 15-30 Minuten Verspätung haben. Da wartet man eben, kein Ding.

Kaum bin ich nach diesem Urlaub zurück, kommt mir die Stadt hektisch vor. Ich erlebe in einem kurzen Moment den Luxus von Bahnen, die alle zehn bis zwanzig Minuten fahren.

Wir gewöhnen uns aber auch an die Stadt sehr schnell: Nach nur wenigen Tagen fühle ich wieder Stressgefühle, wenn meine Bahn 30 Sekunden Verspätung hat.

 

Nervarbeit: Flow versus Zerstreuung

Und nun schau dir mal deine Arbeit an: Es gibt die Nervarbeit. In jedem Job. Hier vergeht die Zeit langsam, es ist langweilig, man verliert schnell den Sinn für das eigentliche wertvolle Ziel dieser eher doofen Arbeit. Aber wenn man sich in die Nervarbeit reinsteigert und ein wenig Gamification anwendet, kann man in einen Flow-Zustand kommen. Der Steuererklärungs-Flow ist genauso real wie der Wohnung-Aufräum-Flow, der Schreibflow, der Stempel- und Briefe-Einpack-Flow oder der Kreativitätsflow. Die zerstreuungsanfällige und selten im Flow geschehende Nervarbeit besteht aber nicht nur zwangsweise aus Formularen, Steuererklärung und Ablage – vielleicht ist es auch das andauernde Colorieren verschiedener Flächen in einer Illustration, die ja eigentlich eine sehr kreative Arbeit ist.

 

Die Drei-Zeiten-Methode für deine Arbeitszeit

Was schließe ich daraus?

Unser Gehirn adaptiert schnell. Wir nehmen die Zeit unterschiedlich wahr, und sollten dem Gehirn auch die Möglichkeit geben, sich innerhalb eines Tages an bestimmte Zeit-Situationen zu gewöhnen. Dafür habe ich eine Drei-Zeiten-Methode entwickelt (die es sicherlich schon irgendwo gibt, also google vielleicht mal nach ergänzenden Informationen).

Ich teile meine Arbeitszeit in drei verschiedene Typen von Arbeiten ein.

Für mich gibt es folgende drei Arbeitszeit-Typen:

  • Fokus-Arbeit
  • Kreative Arbeit
  • Verwaltung

 

Zeitslots im Stundenplan

Schreib dir einen Stundenplan. Wie in der Schule!

Seit dem 1. Oktober verwende ich dieses System für mich. Ich habe jeden Tag einen gewissen reservierten Zeitbereich für die Fokus-Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt darf mich niemand stören. Das ist für mich von 7:30 bis 9 Uhr. Ohne Handy, ohne Internet. Die Vögel erwarten noch kein Frühstück von mir, niemand ruft mich an.

Nach einer Bewegungseinheit beginne ich mit 9:30 Uhr mit der verwaltenden Arbeit. Diese Arbeit ist eh prädestiniert dafür, dass ich unterbrochen werde, also nehme ich zu dieser Zeit liebend gerne Unterbrechungen, Anrufe, E-Mails und das flexible, multitasking-ähnliche Hin-und-Her-Switchen entgegen. Denn ich habe nicht den Anspruch, zu diesem Zeitpunkt im Flow zu arbeiten. Die Arbeit, die mit der Verwaltung zusammenhängt, braucht eh wenig Konzentration. Und damit ich nicht in Langeweile-Zustände, Demotivation oder Bore-out gerade, läuft nebenbei auch noch ein gutes Hörbuch oder ein Podcast.

Am Nachmittag baue ich mir wahlweise eine Bewegungseinheit ein, kümmere mich um den Haushalt oder führe die Verwaltungssachen fort. So übergehe ich mein Mittagstief.

Abends dann ist mein Biorhythmus perfekt für den Kreativitäts-Turbo. In diesem Zeitraum nehme ich beispielsweise den Autorpreneur-Podcast auf.

So ist mein persönlicher Stundenplan aufgebaut. Aber dieser sieht von Mensch zu Mensch unterschiedlich aus.

Meine Mitarbeiterin zum Beispiel möchte den Morgen lieber entspannt angehen. Also hat sie frei. Vormittags, wenn ich dann schon die Fokus-Arbeit hinter mir habe, beginnt sie lieber den Tag mit Verwaltung. Während ich bei der Verwaltung sage: „Das kann so viele ungeahnte Folgen haben und so lange dauern, lieber habe ich vorher schon etwas geschafft“, ist für sie Verwaltung eher das, was sie möglichst früh hinter sich haben möchte, um danach einen freien Kopf für die Fokus- und Kreativitätsarbeit zu haben. Beides sind völlig legitime Ansätze.

 

Wisse, plane, schaffe

Das ist mein Tipp an euch, liebe Leute: Nutzt euch die Fähigkeit des Gehirns, die subjektive Wahrnehmung der Zeit zu adaptieren. Clustert eure Arbeit nach den Fokus-Aspekten:

  • Verwaltende Arbeit birgt das Risiko von Zerstreuung, Unterbrechung, Unterforderung. Gib deinem Gehirn eine zusätzliche Unterhaltung in Form eines Podcasts, wenn du magst. Und gräme dich nicht, wenn es in diesem Arbeitsbereich sehr schleppend vorangeht.
  • Fokus-Arbeit will im Flow geschehen. Stell alle Ablenkungen aus, arbeite in deiner Fokus-Zone und wende Methoden wie beispielsweise die Pomodoro-Methode an. Die Fokus-Arbeit dehnt sich auch sehr gerne nach dem Parkinson’schen Gesetz aus 😉
  • Kreative Arbeit: Arbeit ohne Grenzen. Du kannst hier am besten arbeiten, wenn du auf dich selbst hörst. Vielleicht willst du diese Arbeit nicht am Schreibtisch, sondern im Park oder bei einem Spaziergang anfertigen. Vielleicht ist diktieren manchmal besser als schreiben, vielleicht gelingt die Konzeption, wenn du währenddessen Dehnübungen machst oder wie als Kind in Bauchlage auf dem Boden liegst und mit den Beinen strampelst.

Beachte: Angeblich werden 28 % der Arbeitszeit an Unterbrechungen verschwendet. Egal, ob das wahr ist oder nicht – es ist wichtig, dass du deine Fokuszeiten bewusst einplanst. Oder andersrum: Plane deine Verwaltungszeiten ein und erlaube Unterbrechungen nur in dieser Zeit. Dann nimmst du die Zeit bewusst in der Geschwindigkeit und Intensität wahr, die für die entsprechende Tätigkeit angemessen ist.

Ich hoffe, du konntest den ein oder anderen Impuls mitnehmen. Erzähl mir gerne von deinen Erfahrungen rund um Zeitwahrnehmung und Arbeitszeit-Clustern in den Kommentaren!

Alles Liebe,

Kia



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